Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Der Dozent
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 377 (sequence 2)
- Language
- German
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was auf dem Jahrmarkt der deutsehen Universit3tsphilosophio sein Häuflein Bewunderer fand, hatten mich von einem Versuch näherer? Kennenlernens zurückgehalten. So war ich auf nichts vorbereitet» als ich im November 1913, einer Aufwallung nicht von Interesse, nur von Neugier folgend, seine Vorlesung in der Lehranstalt aufsuchte. Hier erlebte ich eine Überraschung ohnegleichen. Gewöhnt, auf philosophischen Kathedem kluge Leute zu finden, feinsinnige, scharfsinnige, hochsinnige, tiefsinnige und wie alle die sinnigen Worte heißen mögen, mit denen man den Denker zu loben meint, fand ich einen Philosophen. Statt SeilUtnzern, die auf dem gespannten Draht des Gedankens mehr oder weniger kühn, mehr oder weniger geschickt .mehr oder weniger zierlich ihre Sprünge ausführten, sah ich einen Menschen. Die verzweifelte Inhaltslosigkeit oder Inhaltsgleichgültigkeit, unter der mir fast alles Philosophieren auf den Kathedern der Gegenwart zu leiden schien — diese Gleichgültigkeit, die einem stets dio Frage abpreßte, warum in aller Welt dieser Mann, der da vor einem stand, gerade durchaus philosophierte und nicht sonst etwas tat — liier war nichts davon zu merken. Hier schwieg die Frage stilh hier hatte man das unzerstörbare Gefühl: dieser Mensch muß philosophieren, er hat den Schatz in sich, den das kräftige Won heraufzwingt. Was ich, irre an der Gegenwart, schon langst nur noch in den Schriften der großen Toten suchte, den streng wissenschaftlichen Geist, der über dem Abgrund einer ungcschie'denen Weit chaotisch drängender Werklichkcifc brütete, hier sah ich es mit einem Male in sprechender Lebendigkeit, Angesicht zu Angesicht. - Was war es für ein Zauber, der im gesprochenen Wort dieses Mannes wohnte? In seinem gesprochenen mehr als in seinem geschriebenen, das leicht eine gewisse Farbe der Ferne annahm. Es war in seiner Rede etwas wie ein Vulkan unter glattem Boden. Wenn sie sich streckenweise in strenger Sachlichkeit hingesponnen hatte und der Hörer den Fluß der Gedanken ruhig unter dem mächtigen Haupt vorüberziehen sah, brach plötzlich ganz unvermittelt, nie vorauszuberechnen oder zu ahnen, an irgendeiner Stelle der Fcuerstrom der Persönlichkeit herauf. Eine Geste nur bisweilen, eine Handbewegung — man durfte das Auge, obwohl er sonst fast unbewegt sprach, eigentlich nie von ihm abwenden —, ein-einzelnes Wort, ein kurzer Satz von fünf, sechs Wörtern: und der ziehende Fluß hatte sich zum breitüberflutenden Meer erweitert, durch das Gespinst d<-.r Gedanken leuchtete die im menschlichen Herzen wiedergeborene WcU-. Eben das vollkommen Unvermittelte dieser Ausbrüche gab ihnen die zwingende Gewalt. Das ganz vorbercitungslose Aufkochen des Pathos , aus seinen unterirdischen Quellen, das enge Beieinander des kühlsten Gedankens und des heißesten Herzens — vielleicht gibt es nicht? Jüdischeres als diese Übergangsiosigkeit. Wie denn dieser deutsche, mit höchstem, freiestem und wohlgegründetstem Bewußtsein deutsche Jude vielleicht in tieferen Bindungen seiner Seele ein jüdischer mrl nurjüdischer Judo war, als die vielen, die heute mit sehnsüchtig; klarstem Willen danach verlangen, Nurjuden zu sein..