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Neue jüdische Monatshefte · 1918-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1918) · p. Seite 375

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 15-16 (10.5.1918)
Article
Zur Erinnerung an Hermann Cohen
Date
1918-05-10
Page
Seite 375 (sequence 2)
Language
German
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375 strenger Gedankenarbeit so viel künstlerisches Genießen, bei so reiler Weisheit so viel kindlicher Frohmut, bei so turmfester Abgeschlossenheit des Geistes so viel freier Weltsilm! Und dann in den letzten Jahren bei häufigerer Begegnung in Berlin: welcher Durst nach Menschen, nach Debatten und nach Musik! Abend für Abend in Gesellschaft, und wenn Beethoven rief, in der Philharmonie! Welche Gegensätze: Marburg und Horn, Marburg und Berlin, strengstes Denken und eifrigstes Leben, Kampf und Musik! Dann aber begriff ich, wie diese Gegensätze sich bedingten, wie sie sich suchten, ja wie sie sich fanden zur Einheit. Suchte er doch auch in Leben und Kunst die klassische Formstrenge und inner« Ordnung des Denkens und auch im Denken die Bewegung des Lebens und die Harmonie der Kunst. Ja, er war ein reiner Idealist, sozusagen ein Monotheist nicht mir in der Religion, sondern — im Gegensatz zu Goethe — auch in Philosophie, Kunst und Leben. Er duldete, keine Vielgötterei starrer Begriffe und dogmatischer Substanzen, er haßte aber auch das Ausschwellen des Gefühls in Mystik und Pathetik wie die nackte Machtentladung der .Triebe, er verachtete das denkfreie Leben von der Tiefe des Instinkts und der bloßen Sinnesempfindung bis zur Höhe der Intuition; denn in ihm war das Fühlen und Wollen eins mit dem Denken, das in ihm gewiß nicht als blutlose Abstraktion dahinsickerte. vielmehr kraftige Muskeln zeigte, das in ihm einfach das Organ für Einheit und Ordnung war, für die Zucht des Geistes. Er mußte die Natur so mathematisch und die Kultur so juristisch deuten, weil er die AVeit nur fassen konnte in Maß und Recht, nur in der Gesetzlichkeit, die als das Wahre ihm widerklang in der Ordnung des •Guten und in der Harmonie des Schönen. Kr war eben ein Denker, weil er ein .Manu der Zucht war uro als solcher wahrlich ein Erzieher der Zeit. Denn einer Zeit, die sich nur der Fülle äußerer Lebensreize hingab und sich besinnungslos tragen ließ vom Rausch der Geschehnisse, die im Chaos nervöser Schwingungen zuckte und schwelgte, die keine Einheit und Ganzheit, keinen geistigen Charakter mehr kannte, zerlöst und zerflossen In tausend Nuancen, Velleitäten und Relativitäten, der tat ein Mann not, ein stühlerner, der wieder einmal die Sprache .des Absoluten sprs.cn. der Mark und Muskeln brachte in diesen wirren Nerventauniel und echti-s Metall in dieses unlautere Marktgetriebo des Geistes. In einer lauen Zeit, die auf leisen Sohkn sich einfühlte, cinschmiegte in alle Höhen, Weiten und Tiefen der Seele, und alle Sünden, Seligkeiten, und Sonderlichkeiten des Menschenwesens auskostete, trat er fest auf mit erhobenem Nacken und wollte kein Psychologe sein, kein alles verstehender, alles verzeihender, nein, er schwang die Geißel als eifernder Prophet und schrieb einen Stil der strengen Schlüsse, der in der Tiefe grollend und walTenklirrend einhersehritt, der alles anarchische Gewürm niederzutreten schien und kein Entrinnen ließ m seinen scharfen Folgerungen und Forderungen. In der Zeit unendlicher Möglichkeiten forderte er Notwendigkeit, in der Zeit vielseitiger Vermittlungen suchte, ja brauchte er Kampf, immer nur Kampf, aber Kampf

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