Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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352 wir in jeder indivi&uollen Äußerung geliobt haben, kann und-wird in uns niemals erlöschen. So vereinen und durchdringen sich in uns diesem Toten gegenüber die Empfindungen, die, nach dem Goethesclnn Wort, der Tod des Jünglings und der Tod des Greises in uns erweckt.' Völlig vollendet liegt der ruhende Greis, der Menschheit herrliches Muster — aber trotz allem ergreift und bezwingt uns-die-unendliche Sehnsucht nach ihm, den wir trotz seiner 7G Jahre immer noch als Jüngling gekannt und als Jüngling geliebt haben. Daß wir diese gütige väterliche Hand nicht mehr fassen, daß wir das Lächeln seines Mundes, das plötzliche freudige Aufleuchten seines Blickes nicht mehr' sehen, daß wir den warmen und innigen Klang seiner 'Stimme nicht mehr hören sollen: das ist es, was wir nicht begreifen, was wir noch nicht fassen können. Und "doch dürfen wir uns von dem Schmerz um ihn nicht übermannen lassen; — denn auch unser4 Schmerz ist noch eine Schale, ■dio wir fortwerfen müssen, um zur wahren geistigen Anschauung seines Wesens zu gelangen. Wie die höchsten sachlichen Werte, so sind auch die höchsten persönlichen Werte unauslöschlich und unaustilgbar. Was uns hier einmal wahrhaft 'ergriffen und wahrhaft auf uns gewirkt hat, das kann nicht wieder untergehen. Was Hermann Cohen uns, seinen Schülern, hinterläßt, jlas ist-kein bloßer Inbegriff einzelner noch so wichtiger philosophischer Sätze. und Wahrheiten. Er selbst hat seine Wirkung niemals in dem Sinne aufgefaßt; er hat — wie es noch vor kurzem die Widmung seiner Schrift über den „Begriff der Religion" an die „Marburger Schule" aussprach — in dieser Schule immer nur eine Arbeits- und Forschungsgemeinschaft gesehen, die nicht durch gemeinsame Resultate, sondern durch eine gemeinsame ideelle Richtung des Suchens und Fragens zusammengehalten werden sollte. * Manche von uns mögen, indem sie dieser Richtung folgen, vielleicht zu ganz anderen Ergebnissen, als er selbst, gelangen; aber das Band, das uns mit ihm vereint, wird darum nicht gelockert werden. In aller Unruhe des Suchens und in aller Freude und allem Glück des Findens wird uns sein Bild gegenwärtig bleiben; in allen Zweifeln und inneren Schwierigkeiten werden wir seinen belebenden und aufmunternden Zuruf zu hören glauben. Denn er hat uns das Beste gegeben, was im Gebiete . der Philosophie der Lehrer dem Schüler zu geben Vermag; er hinterläßt uns keine bloßen Lehrsätze oder Dogmen, sondern er hat uns durch sein Beispiel gezeigt, wie ein großer Mensch zv.o dem Mittelpunkt seines Wesens heraus für sich und für andere eine neue Gestalt des Seins und einen tieferen und reicheren Gehalt des Lebens entdeckt und gewinnt.