Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 14 (25.4.1918)
- Article
- Der Sinn der "Vergeistigung"
- Date
- 1918-04-25
- Page
- Seite 337 (sequence 7)
- Language
- German
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337 machen. Zion, das ist das vergeistigte Palästina, das ist in Palästina der verweltlichte Geist. Zion verwerfen und sich für Jaffa entscheiden, heißt das menschlich Größte und jüdisch Entscheidende im Zionismus verwerfen, heißt aus dem Zionismus einen modernen Nationalismus machen, aus der jüdischen Gemeinschaft eine moderne Nation, heißt schlimmere Assimilation, schlimmere Untreue am Judentum verüben, als es je der jüdische Assimilant getan, der sich selbst assimiliert, nicht aber sein Volk. „Es genügt nicht mehr zu sagen, daß man Palästina will — meint M. —, man muß auch sagen, w i e man es will." Alierdings. Und dies ist es, was die Vergeistigung will: Palästina als jüdisches Land, nicht nur. in formal nationalem Sinne, weil es Juden gehören soll, sondern in innerlieh gehaltvollem Sinn als ein Land, in dem mit den Forde rungen des Judentums Ernst gemacht wird, in dem das jüdische Volk wahrhaft ein Reich von Priestern errichten (ein Reich und nicht ein „Kloster") und ein heiliges Volk sein soll (ein Volk und nicht „ein halbes Dutzend von Propheten"). Was M. will, ist in seinem unbewußten Instinkt gewiß von starkem Drang zum Judentum, von aktiver Liebe zum jüdischen Volke gespeist; in seinen bewußten programmatischen Forderungen ist es unjüdisch, ist es wahrhafte Assimilation, ist es die Preisgabe des immanent Jüdischen, ist es — Sadduzäer« tum. Es ist sehr bezeichnend und vielsagend, daß er sich gegen die Pharisäer und für die Sadduzäer entscheidet, die damals in gleicher Weise das jüdische Volk an die anderen Völker der hellenistischen Kultur anpassen wollten, wie der Palästinismus von. M. es heute den anderen europäischen Völkern angleichen will; nur darf er nicht vergessen, daß das Judentum sich für die Pharisäer entschieden hat, nicht, nur in dem einmaligen historischen Streite, sondern immerdar, in ewig erneutem Kampf gegen die Bejahung der unvergeistigten Welt, gegen jene, die Welt und Geist scheiden wollten. In die Welt gesandt, \rv. sie durch den Geist zu gestalten und zu erheben, darum die Weit liebend wie kein anderes Volk, das Leben bejahend wie keine andere Menschengemeinschaft, droht dem Judentum stets die Gefahr, in dieser Bejahung zu verharren und darob ihren Sinn zu vergessen, in seiner Liebe zum Leben den Verpflichtungen, die sie ihm" auferlegt, untreu zu werden. Andere Völker dürfen es; jene, deren Berufung es nicht ist-, das Leben zu.deuten, sondern es zu entfalten; deren Begabung es ist, das Leben reicher, nicht es sinnvoll zu machen. Was jenen Glück und Wesenserfüllung ist, ist uns Verderb und Sünde. Sadduzäertum -- das ist der historische Name dieser Sünde. Immer wieder hat das Judentum gegen sie angekämpft, und es ist nur natürlich, daß eine Bewegung wie der Zionismus, die das jüdische Volk wieder^ zum nationalen, politischen Dasein zurückführen, die das in nationalpolitischer Hinsicht weltabgewandt gewordene Galuthjudentum auch nach dieser Richtung wieder die Weltbejahung lehren will, dieser Ver« irrung, dieser Sünde der bequemen Genügsamkeit besonders leicht verfallt. Um so mehr tut es uns not, sie zu überwinden und in stetem inneren Kampf gegen die Versuchungen der sadduzüisehen Einstellung