Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 14 (25.4.1918)
- Article
- Der Sinn der "Vergeistigung"
- Date
- 1918-04-25
- Page
- Seite 332 (sequence 2)
- Language
- German
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332 pflichtung der Welt, den Geist zu verweltlichen. Den diesem Glauben Lebenden, stehen jene Ungläubigen gegenüber, die in tiefem Respekt vor den sogenannten „Tatsachen" und der „Realität der Dinge", in einem unwürdigen Götzendienst vor dem Idol „Fortschritt" nicht stark genug sind, an die Verweltlichung des Geistes zu glauben, sie zu fordern, sie zu verwirklichen, und damit den „Geist" außerhalb der „Welt" stellen, wie brave Bürger ihre schönsten Schmucksachen in Glaskästen verschließen, sie ab und zu ehrfurchtsvoll bewundernd, unwissend darum, daß das schönste Juwel nicht zu schön ist, um den Alltag damit zu schmücken. „Hinter den Mauern des Klosters" schreibt M., „kann man die Dekrete des diktatorischen Geistes verwirklichen. „Hinter don Mauern des Klosters" — der alte bourgeoise Standpunkt des „praktischen" Manschen, der den Geist hinter Klostermauern verbannt und vor lauter Respekt vor der Realität sich in Wahrheit schlimmer, heilloser an ihr vergeht als der unpraktischste Ideologe, indem er sie ihres höchsten Wertes, ihres wahrhaften Sinnes — des Geistes, der Möglichkeit ihrer Vergeistigung — beraubt. Stets sind es die „Weltlichen" dieser Art, die die Welt arm und finster und traurig machen, diese „Realisten", die vor allzu großer Angst, die Realität durch den Geist vergewaltigen zu lassen, sie zur Hölle machen (die höchstens durch die Anwendung der „modernsten Gesichtspunkte des Sozialismus und der Sozialpolitik, soweit diese schon zeitgemäß sind" gemildert wird); die alte ewige Tragikomödie der blind Vernarrten, die mit ihrer blinden Liebe dem geliebten Wesen schädlicher sind als seine stärksten Hasser! Denn so liegt es doch in Wahrheit: wir, die „Vergeistigten", sind die wahrhaft „Verweltlichten", die die Welt besser Liebenden, mit jener Liebe, die hell und sehend macht, die starken Willens versucht, die Mängel des Geliebten zu überwinden, die Verirrungen der Welt durch umgestaltende Aktivität zu bekämpfen. Der hat nichts vom Geist begriffen, der ihn in Gegensatz zur Welt stellt, der nicht sieht, fühlt, erlebt, daß die Welt die ewige und einzige Geliebte des Geistes ist, der er immerzu und ewigdar die Treue bewahrt, derer er bedarf, um seinen Sinn zu erfüllen, weil er nur in ihr die Erlösung findet: die Erlösung, die da heißt, verwirklicht zu werden. Nur weil M. dieses innerste Wesen des Geistes nicht sieht, kann er gegen die „Vergeistigung" Vorwürfe erheben, ihr Tendenzen andichten, die nur bei jenen Götzendienern einer toten, mumienhaften Intellektualität zu Recht bestehen, die einen starr und sinnlos gewordenen „Geist" gleich einer Sphinx irgendwo in den Weltenraum postieren, aller Wirklichkeit abgewandt. Die Vergeistigung „verneint alles Politische", erklärt M.; aber ganz im Gegenteil: so sehr bejaht sie es, so sehr glaubt sie an das große Recht und den hohen Sinn des Politischen, daß sie es dieses seines Sinnes würdig machen will, es befreien und reinigen von all dem Schinutz und der Verirrung, die es in seiner heutigen Form der „Realpolitik" angenommen hat. Diese Form verneinen — und auch dies nicht in tatenloser Passivität, sondern in reformierender Aktivität tun — heißt dies, das Politische