Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 14 (25.4.1918)
- Article
- Der Jude in Karl Marx
- Date
- 1918-04-25
- Page
- Seite 328 (sequence 2)
- Language
- German
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325 es gilt, eine geistige Persönlichkeit zu erklären oder ihr Charakterbild zu zeichnen, aber er sollte sich stets bewußt bleiben, daß für „Blutuntersuchungen" von dieser Art das wissenschaftliche Handwerkszeug, das eine exakte Forschung gestattete, uns gegenwärtig noch fehlt. Wagen wir mit diesem Vorbehalt einige bescheiden gemeinte Äußerungen über das Jüdische in der geschichtlichen Erscheinung Marx, so treten wir nicht an das Bewußte sondern an das Unbewußte in ihm ragend heran. Wir dürfen uns also nicht -durch das beeinflussen lassen, was er selbst über die Judenfrage ausgesagt hat. Er hat sich bekanntlich nur ein einziges Mal mit dieser Frage befaßt, er war damals 25 Jahre alt. Aber selbst da wird sie ihm, den ja das Individuum, ob Einzelner, ob Volk, kalt ließ, nur zum Vehikel für in allgemeinere Sphären hinausstrebende Gedanken. Auf weiten Seiten seiner Abhandlung „Zur Judenfrage" sucht man vergebens selbst nach den Worten Jude oder Judentum. Nicht aus Interesse am Gegenstand setzte er sich mit den Gedankengängen auseinander, in denen Bruno Bauer, vor kurzem noch sein Waffengefährte, das eben in Deutschland der Lösung entgegenreifende Problem der Judenemanzipation behandelt hatte. Ihn trieb dazu nur da-s Verlangen, auch an diesem Stoff wie an anderen die Überlegenheit seiner neuen materialistischen Betrachtungsart über die ideologische Problemstellung der Junghegelianer zu erweisen. Gedanklich wie stofflich steckt in den beiden Schriften Bauers, was die Judenfrage selbst betrifft, sehr viel mehr als in der unvergleichlich genialeren Abhandlung Marxens. Bauer berührt doch wenigstens das wirkliche Problem: Die Juden, sagt er, seien gedrückt worden, weil sie sich durch •die Zähigkeit, mit der sie an ihrer Nationalität festgehalten haben, der Geschichte, die Entwicklung wolle, in den Weg gestellt hätten. Für Marx aber ist die Judenemanzipation nur ein Dcmonstrationsmittel, an dem er zeigen kann, wie unzulänglich jede bloß politische Emanzipation bleiben müsse. Am meisten tadelt er, daß Bauer die Judenemanzipation nicht als eine gesellschaftliche sondern.als eine religiöse Frage behandle und so wirft er ihm vor, daß er bei solchem Verfahren nur den „Sabbatjuden'4 und nicht den „Alltagsjuden" berücksichtige. Franz Mehring hat es als ein „wertvolles Erbe" bezeichnet, daß Marx schon durch die Erziehung von „alier jüdischen Befangenheit" frei geworden wäre. Man darf ihm soweit zustimmen, als er damit historisch feststellen will, daß kein deutscher Politiker jüdischen Bluts im neunzehnten Jahrhundert sich so vollständig „assimiliert" gefühlt habe wie der Schöpfer der Internationale. Aber auch die Kehrseite der Medaille darf, zum mindesten in unserem Zusammenhang, nicht übersehen werden. Würde nämlich Marx noch irgendein Gefühlsrudiment mit seiner jüdischen Vergangenheit verbunden haben, so hätte er niemals den durch äußere Umstände verkrüppelten Ghettojuden für den einzigen „wirklichen Juden" erklären können, so hätte er nicht in der jüdischen Religion, die doch um Jahrtausende älter ist als der jüdische Schacher, nur einen Niederschlag des letzteren erblickt. Aber noch handhabte seine Entdeckerfreude die neue materialistische Forschungsweise so unwählerisch, daß ihr jeder Stoff gut dünkte, um deren Vor-