Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Über Alfred Wolfenstein
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 308 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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303 sie auch innerliche Notwendigkeit erhalten: sie müssen geglaubt werden. Der Politiker kann seine Weltbeglückungen nennen, ohne daß ein Rhythmus in ihm erzittert. Ihm liegt an guten Ordnungen, dem Dichter aber an der Sinnfälligkeit seines Menschentums. Deswegen beginnt Wolfenstein seinen Welt-Hymnus mit dem Bewußtsein von Enge und Einsamkeit („Erlaubt ist nur Nähe und winziger Traum*4). Der Mensch kommt vor der Menschheit Geist steigt empor aus Natur; er durchdringt die Körper und erlöst sie zur Tat und Brüderlichkeit: - ... er sitzt nicht machtlos im Leib wie am Pfahl die Laterne! Er zittert nicht draußen am Stamme: Durchdringend das eigene Fleisch mit Licht Ganz hell wie ein Himmelskörper, Mit Laub der Seele und fruchtenden Tat: Durchdringender Geist! auch die anderen Körper Wirst du rasch wie ein Gang durch Schatten Durchgehn, und weich allen Dingen und Qualen Augen erö2nen, Bis sich die härtesten ansehn und strahlen. Der Mensch spürt die Menschheit: nicht als Mitleid mit fremden Schicksalen, sondern als erstes Gebot des Daseins. .In sie ergießen eich die wilden Ströme des Gefühls, die bis dahin nur schmerzten, nunmehr aber den Raum mit Liebe erfüllen. Diese Freundschaft, deren seelische Verankerung nicht „Psychologie", sondern Ehrlichkeit ist, schafft Tat und Licht. Wolfenstein weiß sehr gut: das Erlebnishafte, zurückgestellt hinter den Wert, würde jede Realität vernichten und eine blutlose Metaphysik schallen. Daß wir das erkannt haben, ist der Vorteil unserer Zeit vor manchem älteren himmlischen Sänger und unsere größere Sicherheit gegenüber der empirischen Welt. Es sind daher im Buche Alfred Wolfensteins die Ausgangspunkte seines Gefühls ebenso eindringlich "wie die eigentlichen Beschwörungsformeln; wo es nur heißt: ich bin allein, und der Ruf nach Freundschaft erst langsam erwacht; Entfremdungen vom Alltäglichen und Lieblosen; deutliche Einsamkeit in einer geschäftigen Menschheit; das Bewußtsein des Herzens. Und dann: das helle Aufstehen des rettenden Gefühls; die Strahlen der Menschen-Stirnen, gerichtet auf eine neue Welt; „die Willen ganz ans Licht getrieben, die sich als Willensangesichter lieben1'; die neuen Freundesstädte. Die letzte Begründung findet diese Dichtung in unserem neiaen jungen Denken. Wir sind jeder Art Selbstschau müde geworden; wir spinen unsere Geistigkeit nicht als Besitz, sondern als Kraft; wir strömen in die Welt der Wesen und der Wahrheit. Wolfenstein ist dieser neuen Gesinnung ein starker und reiner Verkünder, in dem unsere Gegenwart einen ihrer ersten Lyriker verehren muß.