Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Über Alfred Wolfenstein
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 307 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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307 Über Alfred Wolfenstein Von Dr. Rudolf Kayser, Berlin Sl^^io neue Lyrik entstand, als die Zeit aufhörte, sich zu fürchten. •jlrajSy Die D*chter wollten nicht länger ihren Erlebnissen ausgeliefert ^S^sOi sein, die Verwandlung, die jede Kunst gebietet, nicht nur an Ereignissen des eigenen Daseins vollziehen. Das Beste, was sie geschaffen hatten, war in privaten Zufällen verfangen. Man hatte esnicht gewagt, den Schritt zu einer autonomen Geistigkeit zu tun, mit Inbrunst einer eindringlichen Absolutheit zu opfern. Endlich erkannte man: die Subjektivität der Lyrik meint nicht das Ich als Gegenstand. Vielmehr besteht sie darin, daß sie sich auf Welt stürzt, sie nicht ängstlich wiederholend, sondern erschaffend (ähnlich wie es die idealistische Metaphysik der Fichte und Schopenhauer meint). Doch wesentlich ist, daß unsere geistigen Kräfte in ihr zum Ausdruck gelangen, uns so unserer Existenz versichernd. Das Ziel unseres Hierseins muß aufleuchten und seinen Glanz zurückwerfen m das Ich; der Rhythmus der Werte muß die Musik des Gefühls und dor Sprache zum Singen bringen. Die neue Lyrik ist auf jeden Fall religiös. Ihr letzter Beginn liegt bei S t e f a n G e o r g e. Er verzichtet auf die Darstellung seelischer Zustände, sondern „forscht bleichen eifers nach dem horte". Er glaubt aber: ist Dichtung die Beziehung unseres Lebens zu einer wertvollen Objektivität, so gilt es, diese darzustellen in einer sprachlichen Weihe, die Empfindungen und Leidenschaften verbietet. George sucht den Rechtsgrund seiner Lyrik nicht im eigenen Ergriffensein, sondern in der Ruhe und Verabsolutierimg der reinen Form. Hierin verlassen ihn die Jungen. So F r a n z W e r f c 1, der mit der Besessenheit des israelitischen Propheten vor die Welt tritt. Ihin ist mit einer Verwandlung Gottes in Sprachlich-Absolutes nicht geholfen; er muß seine starken Empfindungen äußern. Georges Religiosität ist, richtig verstanden, kirchlich-sakral, die Werfeis und überhaupt der Jüngeren aktiv und persönlich: Leidenschaft zum Geist. Auch für W o 1 f e n s t e i n ist das Gedicht eine Gefühlsbcziehung zwischen dem Ich und dem Wert, deren Lebendigkeit in der Einwirkung auch auf andere besteht. „Denn Dichten ist eine Art zu lieben"; nicht also: Einsamkeit und Abkehr, sondern das Verbundensein mit dem lur:- Menschen. Die Hingabe an den Geist vergißt aber nicht ihren Ausgangspunkt: das schöpferische Bewußtsein; sonst könnte sie den andern nicht Freundschaft bedeuten. Stärker noch als in seinen früheren Versen lebt diese Gesinnung in Wolfensteins neuem Gedichtbuch „Die Freundschaft41 (S. Fischer, Verlag). Es ist, wie selten eins, Totalität und Beschwörung: es gibt umfassende Entscheidung, vor der die Ich-Schmerzen klein versinken. Es gibt den starken Hymnus der Brüderlichkeit: entschlossen und klar, mit heller Stirn, doch heftig auch des eigenen Schicksals bewußt. Dieses Gefühl ist nicht Flucht, sondern Ergebnis und Rettung; ein Wille aus eigener Erfahrung aufsteigend. Werte werden Dichtung Ja erst, wenn