Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Unterrichtsstunde
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 241 (sequence 2)
- Language
- German
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241 hatte er Israel gerichtet", nachdem wir alle Kapitel seines Lebens hindurch kein Wort davon gehört haben, daß er ein Amt, eine Führerschaft unter den Juden verwaltet hätte. Nun im Tode ist es offenbar geworden: seine Unbesonnenheit und Tollheit, sein Lieben und Hassen, Leben und Sterben, es war nicht sinnlos, es war Amt, und in dieser allerverirrtestcn Form noch Gottesdienst, Volksdienst, Gemeinschaftsdienst . . . Es sind fünfzehnjährige Mädchen, und so kostet es einige Mühe, bis ich ungefähr diesen Gedankengang mit ganz anderen Worten vorgebracht habe. Dann frage ich: welcher Hauptzug am Wesen des Simson besonderen Eindruck auf sio gemacht habe. Ich erwarte, alles mögliche zu hören: seine List, seine Tapferkeit, seine Spottlust, seine Unbeholfenheit, seine Hingabe . . . Die Meinungen gehen liier ja immer bunt durcheinander. Da meldet sich eine. „Nun?" „Simson war ein böser Mensch." „Bös?" Ich bin erstaunt. Auf alles andere war ich eher gefaßt. „Warum denn bös?" „Weil er Menschen getötet hat." — Aller tiefster göttlicher Instinkt meines Volkes! Gerechtigkeit und Abscheu vor vergossenem Blut! Was hat es genützt, daß ich. den Humor, die Dämonie, den Notstand des Landes, den Dienst der Gemeinschaft siebenfach unterstrichen habe! Diese einfache jüdische Urseele hat das alles nicht gehört, sie wendet sich ab, weil Blut fließt, und reagiert mit dem im Innersten bereiten: „Bös, weil er Menschen getötet hat." — Anbetend wirft sich "meine Spitzfindigkeit nieder vor diesem reinen Gefühl. Und ich soll diese Mädchen lehren! Mögen sie mich lehren, damit ich der Welt weitergeben kann, was ich aus dieser kristallenen Quelle der Liebe geschöpft habe. Und noch eine andere Empfindung überkommt mich: Dieses für gewaltsames Heidentum so unempfängliche Volk der Juden ist heute überall mitten in den Krieg gestellt. Wer ist so kühn, die Folgen von Mißverständnis, Unglück, Verbrechen, Trauer und Untergang, die aus dieser Paradoxie erwachsen müssen, mit einem Blick übersehen zu* wollen? öIlIIDSöjJSIIDEüD Umschau "MLiJUimyUUUÜUü Das Sdiidcsal G&llziens Im ungarischen Abgeordnetenhause hat Ministerpräsident W e k c r 1 e in der Sitzung vom 20. November 1917 eine Interpellationdes Grafen Tisza betreffend die staatsrechtliche Einrichtung Polens dahin beantwortet, daß die Verhandlungen wohl im Gange seiens daß aber die Polenfrage eine endgültige Regelung nur im Friedensschlüsse erfahrenkönne. Das Schicksal Galiziens ist somit noch nicht entschieden. Wird dieses .Kronland eine Verwaltungseinheit im. Rahmen Zislcithaniens bleiben oder innerhalb Österreichs in Ost- und Westgalizien zerlegt v/er-