Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Unterrichtsstunde
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 240 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Unterrichtsstunde Von Max Brod, Prag Sf^^lüchtlingsschule . . . Wieder sind die jungen Augen meiner ga- ^pä|| Hzischen Schülerinnen auf mich gerichtet, und es ist mir, als wlJÜiL legten sie die Last von vierzig unentwickelten Seelen auf meine Zunge, die unter diesem unendlichen Gewicht schwer wird und in ängstlichem Verantwortungsgefühl sich nur für das beste Wort bewegen möchte. Ich trage die Geschichte Simsons vor. Teils lese ich, teils erzählo ich nach. Eine Frage hie und da vermittelt mir, ob richtig gefaßt worden ist. Nun bin ich zu Ende. Ich habe mir alle Mühe gegeben, den besonderen Notstand der Juden und die besondere Art ihres diesmaligen Retters zu formen. Die besondere Not: ins Buch Gideon zurückgreifend und anführend, daß die Fremdvölker alljährlich, so oft die Israeliten gesät hatten, heranzogen und alle Früchte des Landes bis nach Gaza hin vernichteten. „Und ließen keinerlei Lebensmittel in Israel zurück, auch nicht Schafe, Rinder und Esel." Meine Schülerinnen haben den Krieg in Galizien gesehen. Sie verstehen, besser als ich, diese Stelle, den Refrain der Weltgeschichte. Dann die Figur . Simson. Unwahrscheinlich dastehend in 'den heiligen Schriften, mit keinem der historisch überlieferten Juden verwandt und doch ein ganzer Jude. Man hat ihn als fremdes Sagengut ablösen, als arisch, unjüdisch, allzu naiv für jüdische Verknorpelung wegzaubern wollen. Die alte Leier! Man nimmt uns das, was in unser falsch gezeichnetes Bild nicht passen mag, statt das falsche Bild damit richtigzustellen. Das „Lied der Liederu soll ohne Liebe gedichtet und bei Konventionsehen gesungen, der dämonische Humor Simsons nüchternen Ailtagskindern vorgetäuscht worden sein. Nein! Diese absurden Hypothesen verschlingt der Glanz, der aus unsern Büchern steigt, wenn man sie nur so liest, wie sie geschrieben stehen. Keine Idealgestalten: menschliche Dulder, Unvollkommene, Gotteskinder, und in allem auch wieder Gottesverräter aus Trotz und Schwäche. Held Simson, durchaus jüdischer Mann und um so jüdischer, je eindringlicher man ihn mit einer germanischen Lichtgestalt, etwa mit Siegfried, vergleicht. In beiden jugendlicher Überschuß an Kraft, Leichtsinn, Spiel, dumpfe Torheit, verderbliches Unmaß im Selbstvertrauen. Aber der blonde Siegfried abenteuert auf eigene Faust durch die Welt, ein Kämpfer für sich und seine vornehme Leidenschaft. Simson bleibt bei allem Übermut und scheinbarem Ausschweifen auf eine besondere geheimnisvolle Art mühsam-ernst im Dienste seines Volkes, er wirkt für die Gemeinde Gottes, unheilig tut er das Heilige, bis ihn (ergreifendes Symbol) seine Brüder und seine ganze Familie als einen Leichnam aus dem Lande der Philister, in dem er geirrt und gewütet hat, heraufholen, in die Heimat, ins Erbbegräbnis seines Vaters Manöah. Und der Schlußsatz bringt die überraschende Wendung: „Zwanzig Jahre lang