Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Die galizische Judenschaft in den Jahren 1772 - 1848 in wirtschaftsstatistischer Bedeutung
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 232 (sequence 10)
- Language
- German
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232. sehen Händler zu erfassen. So gab es 1826 in Galizien insgesamt 1441 Kaufleute mit eigener Firma, darunter 1172 Juden. Von der christlichen Bevölkerung lebten in dieser Zeit vom Handel nicht mehr als 2500 Familien. Die Juden beherrschten also fast den gesamten galizischen Handel, denn selbst die wenigen christlichen Handelsleute waren von den Juden abhängig. „Die meisten christlichen Handelsleute — berichtet ein Zeitgenosse (Stöger) — beziehen von und durch Juden den größten Teil ihrer Ware, ähnlich die christlichen Handwerker: Stoffe und Werkzeug." Der Anteil der Juden am Handwerk blieb unverändert. Wie 1764/65 lebt von ihnen auch 1820/27 ungefähr ein Fünftel der jüdischen Gesamtbevölkerung. Obenan steht, wie zuvor, das Bekleidungsgewerbe. 1827 betrug die Zahl der jüdischen Schneider, Kürschner, Schuster, Schuhflicker und Hutmacher 4472 also nicht viel weniger als die Hälfte sämtlicher in Industrie und Gewerbe beschäftigten Juden. An zweiter Stelle sind die jüdischen Bäcker und Fleischhauer zu nennen: ihre Zahl betrug in derselben Zeit 3635, d. i. 35,7 % sämtlicher jüdischen „Manufakturisten". Bemerkenswert ist die Zahl von 1200 jüdischen Webern und Tuchmachern. Zu erwähnen sind noch 792 jüdische Schmiede und 326 Gold- und Kupferschmiede sowie Uhrmacher. Auf die hervorragende Stellung der Juden in der galizischen Industrie und im Gewerbe deuten folgende Zahlen für das Jahr 1827 hin: auf 997 340 Familien gab es 16 962 „Manufakturunternehmer" und 8892 Hilfsarbeiter, d. i. zusammen 1,6% — auf den jüdischen Anteil entfielen davon, wie Tabelle VI zeigt —, 7200 selbständige Gewerbetreibende und etwa 3800 Hilfsarbeiter, d. h. 42,6 % der Gesamtzahl. Bei der Gesamtbevölkerung war in Galizien 1827 jeder 59. ein Gewerbetreibender, unter den Juden jeder fünfte. Der starke Anteil der Juden am galizischen Handel und Gewerbe vermochte jedoch nicht, das Gespenst des jüdischen Massenelends zu bannen. Wenn wir auch sonst keine anderen Belege hätten, so genügen schon die Zahlen der Tabellen VI und VII, um eine Vorstellung über den Umfang dieser Judennot zu gewinnen: 41 % „Luftmenschen" und Bettler, 14 % Handelsgehilfen und gewerbliche Hilfsarbeiter, kaum 9 % ordentlicher Finnen unter sämtlichen vom Handel lebenden Juden — die Ziffern reden von einem beispiellosen Elend. Dies wird noch durch folgendes Detail vervollständigt: 1847 waren von der Lichtzündsteuer wegen Armut 4000 Judenfamilien ganz und 11000 Familien zur Hälfte befreit. Bedenkt man, daß die Gesamtzahl der galizischen Juden damals 45 000 Familien betrug, so haben wir in den erwähnten von der Steuer befreiten 15 000 Familien ein Drittel der Gesamtjudenschaft *). . Das Bild, das wir über die Lage der galizischen Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen haben, soll durch einen kurzen 2) Die Ziffern sind einem Memorandum des Tamopoler Kahals vom Jahre 1347 entnommen.