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Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 223

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Zwei Entwicklungslinien
Date
1918-02-10
Page
Seite 223 (sequence 6)
Language
German
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223 Wie immer man sich zur Frage des Wiederaufbaues stellen mag, eines ist gewiß: Eine g e e i n i g t e Judenschaft muß nach ernster Beratung ihre Forderungen aufstellen. Sie darf die Geltendmachung ihrer Ansprüche nicht irgendwelchen in der Öffentlichkeit stehenden Faktoren blind überlassen. Ein jüdischer Kongreß, von einer zu diesem Zwecke ins Leben zu rufenden demokratischen Organisation veranstaltet, muß sein gewichtiges Wort sprechen. Die galizische Judenschafi in den Jahren 1772—1545 in wirischaftssiatisfischer Beleuchtung Von Dr. I g n a z Schipper, Krakau ST^IXnter den habsburgischen Fürsten sind . . . Menschen, jeder *!f(^lr ^rfc £ewesen> aber allen ist gemeinr daß ihnen der Sinn für SJs^Jj das Wirkliche fehlt . . . Auch er (Josef IL) fragt nach dem Wirklichen niemals ... Er glaubt, daß sich menschliches Leben auf dem Papier ,entwcrfen' läßt. ^Abschaffen* und jumschaffen* sind ihm die liebsten Worte. Aber kein Umschaffen etwa nach den Bedürfnissen, aus einer inneren Notwendigkeit der Menschen und der Dinge. Sondern nach ,Grundsätzen;, von der Vernunft heraus." (Hermann Bahr: „Wien".) Mag diese Charakteristik auch auf das „Geistreiche4' zugespitzt sein und in ihrer Verallgemeinerung einem „Fachgelehrten" nicht zusprechen, wir führen sie an, weil sie vollinhaltlich auf die Verhältnisse paßt, die wir hier einer, wenn auch nur skizzenhaften Betrachtung unterziehen wollen. Die Entwicklung der galizischen Judenschaft in den Jahren 1772—1848 ist mit dem „Geist", der von Wien aus wehte, derart verquickt, daß man sie zum wesentlichen Teil als das Produkt, der Judenpolitik der österreichischen Herrscher darstellen kann. Den Brennpunkt, aus dem die gestaltenden, jene „ab- und umschaffenden" Faktoren ausstrahlen, bildet in dieser Zeit die Josefinische Gesetzgebung. Was da vor und nach Josef IL bis 1848 bezüglich der Juden gesetzgeberisch geleistet wurde, ist entweder ein Vorläufer oder eine unwesentliche Korrektur der Josefinischen Patente und Dekrete. Bis auf den heutigen Tag hallt im Volksbewußtsein der galizischen Juden das Andenken Josefs IL nach, und in der Tat, seine „Logik" ist es, die das Leben der galizischen Judensehaft seit dem Zusammenbruch des polnischen Regimes 1772 bis selbst noch einige Zeit über den Völkerfriihling 1848 hinweg „selig", d. h. unerträglich gemacht hat. „Länder, Völker, Menschen sind ihnen nur Stoff!" „Wer sich nicht verleugnen kann, um ein Geschöpf des regierenden Geistes zu werden, dem wird keine Gnade zuteil."

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