Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Zwei Entwicklungslinien
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 222 (sequence 5)
- Language
- German
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^>£«E/E Man denke: Während allenthalben geschrieen wurde, das Land ächze unter der Wühlarbeit der jüdischen Plusmacher, die Boden und Volk aussaugen, mußten die verantwortlichen Exponenten — nicht etwa die jüdischen — darangehen, über die Eindämmung der Judennot zu beraten. . > Zweimal fanden offiziöse Beratungen statt. Die erste im Jahre 1800 unter Vorsitz des Landmarschalls T a r n o w s k i. Man beschloß die Gründung von Fröbelschulen, Abendschulen und Pädagogien; die Gewährung von Stipendien an jüdische Gewerbeschüler, an Meister, welche jüdische Lehrlinge aufnehmen; Erteilung von Subventionen an Juden, welche Ackerbau, Gartenkunst, Obstbau gewerbsmäßig betreiben. Die Beschlüsse blieben nicht nur auf dem Papier, sondern just nach dieser Tagung setzte mit voller Kraft das Kesseltreiben der „Kolka rolnize" ein und verschärfte die Situation. Ein ausgesprochener Gegner der nationaljüdischen, zionistischen Bewegung, Hermann Feldstein, mußte damals schreiben: „Der Schleier ist zerrissen — weg mit der Scheinheiligkeit und Verstellung — wir sehen uns wieder inmitten der exklusiven adeligen und Ständegesellschaft, welche mit einer keine Grenzen achtenden Rücksichtslosigkeit die Juden öffentlich zu einem fremden und feindlichen Elemente stempelt, zu deren Vertreibung ans allen Stellungen und Posten hinstrebt und vor ihnen alle Wege ehrlichen Erwerbes versperrt/1 ... ■ Im Jahre 1910 veranstaltete der gali zische Landesausschuß neuerdings eine Enquete über zweckentsprechende Maßnahmen zur Bekämpfung der g a 1 i z i s c h e n Juden not, die mit großem Aplomb in Szene gesetzt wurde, aber ebenfalls einen Schlag ins Wasser bedeutete. Fast gleichzeitig brach eine neue Katastrophe herein: Die Erlöschung des Propi na tions rechts, welche 30 000 gälizische jüdische Familien, die vom Schankgewerbe lebten, der Existenz beraubten. Denn die Wiedcrvergcbung der Schankkonzessionen lag in den Händen der Gemeinden und der Bezirkshauptleute. Sie waren daher für die Juden so gut wie verloren. Damals fand der denk w ü r d i g e Zug der jüdischen Schanker über die Wiener Poingstraße statt. Unter Fühung des (nichtjüdischen) Abgeordneten Breiter, eines wahren Freundes der galizischen Judenschaft, sowie der zionistischen Abgeordneten vom jüdischen Klub kamen 3000 Schänker mit ihren Familien' nach Wien und zogen vor das Parlament. Es gelang, 800 Schänkern ihr Gewerbe zu retten. Den guten Beginn der Organisierung des Kreditwesens bedeutete die von bewußt jüdischer Seite erfolgte Gründung der Kredit- Union, welche vom Jahre 1909 bis zum Kriegsbeginn eine segensreiche Tätigkeit entfaltete und unter vortrefflicher Leitung stand. Und nun der Weltkrieg! Galizien ist ein Massengrab geworden. Nicht nur ungezählte Menschenleichen sind in dieser blutgetränkten Erde verscharrt, auch unermeßlich viele Existenzen sind zerbrochen, depossediert, nicht wiederherzustellen.