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Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 220

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Zwei Entwicklungslinien
Date
1918-02-10
Page
Seite 220 (sequence 3)
Language
German
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220 Die deutsch-zentralistisch gesinnten "Verfassungsparteiler verschwanden von der Bildfläche* Der letzte war Nathan R. v. Kallir, der Vertreter der Handelskammer Brody. Er saß zunächst im Klub der Liberalen, später im „deutsch-österreichischen Klub". In den drei Legislaturperioden 1891 bis 1906 gehörten sämtliche jüdische Abgeordnete Galiziens dem Polonkluban. Dann kam das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Die Zeit, da Galizien zum ersten Male wirkliche Volksvertreter zu wählen berufen war, bildet einen entscheidenden Wendepunkt in der politischen Entwicklung der galizischen Judenheit. Förmlich über Nacht erwachte das Volk und setzte sich mit einer naiven Opferfreudigkeit, mit einem Bekennermute, der vor keiner Drohung, vor keinem wirtschaftlichen Terror zurückschreckte, für die zionistischen Kandidaten ein. Man muß erwägen, daß die innerpolitische Betätigung der österreichischen Zionisten damals noch ganz rudimentär und unreif war — sie ist ja heute den Forderungen der Gegenwart keineswegs gewachsen. Wenn es trotzdem gelang, drei zionistische Abgeordnete im ersten Wahlgang durchzubringen, eine weit größere Zahl aber tatsächlich gewählt und erwiesenermaßen nur durch schmähliche Praktiken um ihr Mandat gebracht wurden, so muß man sagen, daß das Volk diese Leistung aus eigener Kraft vollbracht hatte. Neben der nationaljüdisch-zionistischen Partei entwickelte sicii die poalezionistische Arbeiterpartei und die jüdische sozialdemokratische Partei in Galizien, die .von der der polnischen Sozialdemokratie und in weiterer Folge wegen ihres bewußtjüdischen Programms auch von der Gesamtexekutive der österreichischen Sozialdemokratie in Acht und Bann getan wurde. Wes Geistes Kind diese Ausschließung aus der sozialdemokratischen Partei war, geht aus dem Urteilsspruch hervor: „Die Tendenz, allerdings jüdische Proletarierschichten durch künstliche Konservierung jüdisch-klerikaler Traditionen und des sie ihrer Freizügigkeit beraubenden Jargons von dem polnischen Proletariat dauernd abzusperren, mußte als durchaus reaktionär angesehen werden2). Im ersten Volkshause saß der jüdische Klub und wirkte segensreich. Im zweiten Volkshause (d, i. die gegenwärtig fortdauernde Legislaturperiodo), sind die galizischen zionistischen Nationaljuden nicht mehr vertreten. Schuld tragen die unleugbaren Mängel der nationaljüdischen Organisation und Propaganda, insbesondere aber die unbeschränkte Allmacht der galizischen Bezirkshauptleute und ihrer Auftraggeber, wolche bei den Wahlen anno 1907 von der ungestümen begeisterten Kraft des erwachten Volkes förmlich überrannt wurden und sich rechtzeitig und gründlich berieten, wie der Schaden bei den nächsten Wahlen beseitigt werden könnte. Sie haben ihren Zweck erreicht. Daß nicht Gesinnungsänderung der galizischen Judenheit die Ursacho der Wahlniederlage war, zeigte sich anläßlich der 2) Man vergleiche: Mathias Ach er, ,,üas Stiefkind der Sozial« demokratie", Wien 1905, C. W. Stern,

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