Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Zwei Entwicklungslinien
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 219 (sequence 2)
- Language
- German
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219 Als im Jahre 1873 die direkten Rei ehsratswählen in Österreich ausgeschrieben wurden (bis dahin waren die Wahlen bekanntlich indirekt, indem die Landtage Abgeordnete in don Reichsrat delegierten), begann sich auch im galizischen Judentum das politische Leben zu regen. Sit venia verbo! Die Judenheit, die nach der Schi in - m e r sehen „Statistik des Judentums" bereits ein Neuntel der Gesamtbevölkerung Galiziens darstellten — sie machte in Westgalizien 31 Prozent, in Ostgalizien 42,1 Prozent der städtischen Bevölkerung aus — blieb natürlich auch weiterhin politisch stumpf. Nur eine Handvoll Berufspolitiker trat in Aktion und — spaltete sieh in zwei Gruppen: hie bewußte Deutsche — hie bewußte Polen! Irgendwelche, wie immer gearteten jüdischen Postulat e stellte keine der beiden Parteien auf. Die deutschorientiertc — sagen wir — „Führerschaft" schloß sich im Mai 1873 zu dem „Zentralwahlkomitee der Juden in Galizien" unter Führung K o - Ii sch er s zusammen und behielt gegenüber den jüdischen Nationalpolen, die sich unter Führung des Hauptes der Krakauer israelitischen Kultusgemeinde Dr. Sani eis ohn ralliierten, die Oberhand. Das muß erklärt werden: das Zentral-Wahlkomitee war verfassungstreu, was mit „deutsch-zentralistisch" und judenfreundlich gleichbedeutend war, während Dr. Samelsohn für den Föderalismus und die von den Juden nach ihren schon damals recht reichen Erfahrungen gefürchtete polnische Autonomie eintrat. Auch ist es eine geschichtliche Tatsache, daß der galizische Jude bis in die neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts seiner Gesinnung und seinen nationalen Neigungen nach ein deutscher Jude war. Das Ergebnis war kläglich: drei jüdische Städtevertreter zogen in das Parlament ein (die Juden hatten auf sieben Städtemandate Anspruch), außerdem zwei von den Handelskammern entsendete Abgeordnete, von denen sich der Krakauer Delegierte bereits dem „Kolo Polskic" anschloß1). Galizische Wahlen! Schon bei diesem ersten Wahlgange ging als Vertreter von Drohobycz aus der berüchtigten galizischen Wahlurne der polnische Kandidat hervor und der wirklich gewählte jüdische Kandidat wurde erst nach Prüfung der Wahlakten durch den Reichsrat einberufen. Diese Wahlkorruption, unter der alle vier Völker Galiziens schwer litten, wuchs sich während der Ära Taaffe in der Zeit der unumschränkten Schlachtaherrschaft zu einer solchen Landplage aus, daß auch die Wahlreform dem übel nicht zu Leibe konnte. Bezirkshauptmann, Hausjudentum, Wunderrabbi und Gendarm sind die vier Faktoren, welche die Vertretung der galizischen Judenschaft gemeinsam zeugen. Die Friedhöfe wählen mit und — wcnn's nicht anders geht — fällen die Flintenkugeln die Entscheidung, Das Blutbad von Drohobycz, das anläßlich der letzten Roichsratswahleu angerichtet wurde, ist noch in frischer Erinnerung. l) ^iThöres über die Zeit bis zur Wahlreform in der ausgezeichnet reformierenden Schrift .,D er Polenklub und seine Hausjuden" von Saul Rafacl Landau, Wien 1907, verlegt bei C. W. Stern.