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Neue jüdische Monatshefte · 1918-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1918) · p. Seite 215

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 9-10 (10.2.1918)
Article
Die Juden in der galizischen Wirtschaft
Date
1918-02-10
Page
Seite 215 (sequence 1)
Language
German
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215 Die Juden in der gallischen Wirtschaft Von Heinrich Margulies, z. Zt. Krakau fjfäjSfö?ht> man yon den Verhältnissen aus, wie sie vor dem Kriege Pg^f bestanden, so war die jüdische Tendenz in Galizien derjenigen Polens geradezu entgegengesetzt. In Polen hatten wir einen Aufschwung zu verzeichnen, der fast amerikanisch anmutet: von 1,2 Millionen im Jahre 1893 stieg die jüdische Bevölkerung auf 1,9 Millionen im Jahre 1913 und erreichte damit den Höchststand von etwa 15 % der Gesamtbevölkerung (gegen 14,5 % im Jahre 1897). Diese Zunahme kann natürlich nicht nur auf den Geburtentiberschuß zurückgeführt werden (über den verläßliche Daten leider nicht vorhanden sind), sondern sie war vorwiegend durch Einwanderung bedingt. Und wenn wir auch ohne weiteres einräumen, daß ein erheblicher Teil dieser Einwanderung auf die Abdrängung russischer Juden als Folge russischer Verwaltungsmaximen zurückgeführt werden muß, spricht doch die Tatsache, daß diese russischen Emigranten in Polen biteben und nicht nach Übersee weiterzogen, dafür, daß ihnen die wirtschaftliche Entwicklung des Landes Raum zur eigenen Entwicklung gewährte *). Demgegenüber war Galizien ein Land der jüdischen Abwärtsentwicklung, ein Auswanderungsland, das seine Juden von Jahr zu Jahr weniger zu ernähren vermochte und stets größere Wanderungswellen über die Grenzen warf, so daß hier der Anteil an der Gesamtbevölkerung von 1152 im Jahre 1880 auf 1087 im Jahre 1910 sank. Die Ursachen dieser Verschiedenheit sollen liier unerörtert bleiben; sie sind in der verschiedenen wirtschaftlichen Entwicklung beider Länder zu finden, in der verschiedenen Stufe ihrer Industrialisierung und, als deren Folge, in der verschiedenartigen sozialen und beruflichen Schichtung innerhalb der Judcnheit. Das galizische Judentum war als wirtschaftlicher Organismus ungleich ungesünder und widerstandsunfähiger als das polnische; ungleich mehr als dieses schwebte es in der Luft und war so hypernervös, so sensitiv, daß die geringste wirtschaftliche Schwankung im Lande katastrophale Erschütterungen bei ihm zur Folge hatte. Schon die ganze Art seiner Einlagerung zwischen den beiden feindlichen Nationalitäten des Landes, der ruthenischen und der polnischen, war eine recht unglückselige. Die soeben erschienene Statistik nach der Berufszählung von 19102) zeigt hif.rfür die überraschendsten Bilder. Zum erstenmal nämlich enthält sie Tabellen, mit deren Hilfe man dem Problem der nationalen Gliederung in Galizien ein wenig näher kommen kann; zwar scheute man sich immer noch (wie wir sehen werden, aus guten Gründen) vor dem Worte „Nationalität", zwar erkannte man (wie wir sehen werden, aus nicht minder guten Gründen) das „Jiddisch44 als Umgangssprache der Juden nicht an J) Siehe insbesondere „Das Königreich Polen vor dem Kriege", 10 Vortrage, gehalten in der Staatswissenschaftlichen Vereinigung in Wien, Verlag Deuticke, Wien 1917, eingeleitet und herausgegeben vom Unterrichteminister Dr. Carklinski. 2) 3. Band, 10. Heft der österreichischen Statistik, Wien 10IG.

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