Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1918)
- Article
- Die Sonderstelllung Galiziens und die Juden
- Date
- 1918-02-10
- Page
- Seite 214 (sequence 5)
- Language
- German
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214 Rücken auskämpfen werden. Der jüdische Handel in Galizien ist der Vormittler zwischen Stadt und Land, er wird zurückgedrängt werden von dem nationalisierten polnischen und ruthenischen Handel, von den verschiedensten Formen genossenschaftlicher Institutionen, deren Gefährlichkeit für den jüdischen Handel noch vor dem Kriege erkannt würde. Daraus folgt nicht, daß die Judön nur vom Hader der anderen zwei Nationen leben oder leben müssen, sondern, daß sie, wenn die nationalen Yerhältnisse. schon geregelt werden, dabei mit in Betracht gezogen werden sollen. Der „Lösung" wie sie von den Polen vorgeschlagen wird, wird ein fürchterlicher Zustand folgen müssen: erst werden die Juden als Polen der polnischen Nation zugerechnet, haben also" ihren Platz in gemischten Bezirken in dem polnischen Kataster, sie werden aber wirtschaftlich von denselben Polen bedrängt, die im wirtschaftlichem Kampfe kaum die jüdische Gefolgschaft erwünschen. Im Reiche der Wirtschaft gilt gegenüber den Juden die Lösung von der Nationalideo des Handels (damit wird das Polentum des mosaischen Teiles verleugnet und ihre Fremdheit schroff hervorgehoben). Dies meinen auch die ehrlichsten Polen in allen Tonarten von rechts nach links. Daß die Polen einen eigenen (christlich-polnischen) Handelsßtand herausbilden sollen und müssen, ist die maßgebende Ansicht in «ier polnischen wirtschaftlichen und politischen Literatur (Bujak, Glom- "pinski, Studnicki, Tokarz). Glombinski, ein führendes Mitglied der galizischen Nationaldemokraten, hat noch vor 15 Jahren die Sonderstellung Galiziens energisch verlangt und zwar entgegen anderen Stimmen, die dafür waren, daß vorerst die ruthenische und jüdische Frage in Galizien gelöst werde. Heute, wo die jüdische Frage in den polnischen Landen akuter denn je ist, zur Zeit als die maßgebenden Faktoren in Rußland sich bedingungslos für die nationalen Rechte der Juden erklärt haben, zur Zeit wo die ruthenische Revolution schon sämtliche nationalen Beschränkungen aufgehoben hat, bleibt die polnische Judenfrage neben der rumänischen der schwarze Fleck auf dem Felde der erkämpften europäischen Demokratie. Die Sonderstellung Galiziens, welche die Juden noch mehr bedrückt haben will, ist ein Vorbild für die polnische Staatlichkeit. Auch in Polen wollen die offiziellen und nichtoffiziellen Kreise, fast die ganze Gesellschaft, nichts von einer nationalen Emanzipation der Juden wissen und hören. Das nationale Hörigkeitsverhältnis ist im Projekte des Polenklubs betreffs der Sonderstellung scharf dekretiert. Die „Sonderstellung" Galiziens, wie sie vorgeschlagen ist, bildet für die Juden in nationaler und eben deswegen wirtschaftlicher Hinsicht eine große Gefahr. Unseres Dafürhaltens kann sie nur im Zusammenhang mit der polnischen Frage überhaupt behandelt werden. Wir sind eine Nation — kein Vernünftiger zweifelt mehr daran — und wollen gleich anderen unser Selbstbestimmungsrecht. Die Formel von der Selbstbestimmung soll auch in bezug auf die Juden in poLnlschon Landen angewendet und durchgeführt werden, dann wird es keine Unterdrückung mehr geben. Die polnische Judenfrage muß ganz angefaßt und ganz gelöst Verden.