Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 8 (25.1.1918)
- Article
- Benjamin Disraelis "Tancred" [Rezension]
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 184 (sequence 3)
- Language
- German
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154 sozialistischem Hintergrund dennoch ein spannender Roman, der von Abenteuer Abenteuer führt und auch den anspruchsloseren Leser fesseln muß. Aber der Kern des Ganzen, das, worauf es dem Dichter vor allem ankam, und was ihm' auch wundervoll gelungen ist, das ist die Herausarbeitung des Kontrastes zwischen der Hetz- und Scheinkultur Englands, seiner Habsucht und äf fischen Unrast, seiner großspurigen Politik und seinen Handelskniffen einerseits — und der großen schönen Ruhe der auf Fels verwurzelten uralten, selbstsicheren, den Menschen um der Menschen willen pflegenden Kultur Palästinas, der Wüste und Arabiens. Hier betet er geradeso schrankenlos an, wie er dort schrankenlos verachtet. Es ist ein Buch, das, wenn es heute erschiene, von jedem Leser ohne weiteres auf Rechnung der zionistischen Erziehung und Propaganda gesetzt werden würde. Es ist das Hohe Lied des Zionismus, d. h. des Palästina-Zionismus, und des Semiten tum s. Kein Jude hat jemals in der Diavspora derartige Töne der Liebe und Verehrung für das Land und die Edelrasse gefunden, die es zu Ruhm geführt hat, als dieser Sohn eines getauften Juden, der Englands mächtigster und erfolgreichster Premier-Minister geworden ist. Nirgend, in keinem mir bekannten Buche, ist das, was ich „Stammes-, bewußtsein" nenne, mit solcher Kraft und solcher Rückhaltlosigkeit, ja Rücksichtslosigkeit zum Ausdruck gelangt, wie hier. Der gute und edle Stolz, von ungezählten Generationen von Kulturträgern abzustammen, hohe Ahnen schon aus einer Zeit preisen zu dürfen, da Europa und vor allem England noch ein von bemalten Wilden bewohntes Sumpf- und Waldland war, bricht fast auf jeder Seite triumphierend und erschütternd hervor — und es muß doch wohl den „flachnäsigen Briten" imponiert haben! Die Übersetzung ist schlechthin meisterhaft. Ein Mann hat sie gemacht, der seine deutsche Sprache wie ein zartes Kleinod pflegt und Englands Sprache bis in die letzte Feinheit kennt und versteht; ein Mann, der als Disraelis Geistesverwandter ihn und sein Buch liebt und darum das Letzte daran setzte, um das Kunstwerk auch in fremden Gewände als Kunstwerk hinzustellen: auch er ein Menschenkenner und Menschenverächter, auch er ein stammesstolzer Jude, ein Trotziger, auch er ein Mann, der den Zusammenbruch der übermütigen europäischen Kultur vorausgesehen hat. Seine Uebersetzung ist ein würdiges Gegenstück zu der ebenso meisterhaften Uebersetzung von Disraelis Jugendroman: „Contarini Fleming", die vor einigen Jahren erschien. Das Buch sollte in keiner jüdischen Bibliothek fehlen.