Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 8 (25.1.1918)
- Article
- Benjamin Disraelis "Tancred" [Rezension]
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 182 (sequence 1)
- Language
- German
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182 Benjamin Disraclis „Tancred" Von Prof. Dr. Franz Oppenheimer, Berlin ^Menjamin Disraeli war ein Daridy und Romandichter, ehe er der li£S allmächtige Reichskanzler des mächtigsten Reiches der Welt, §w ehe er unter dem Namen Lord Beaconsfield der Premierminister Großbritanniens und der Schiedsrichter Europas wurde. Selbst wenn seine Romane schlecht oder veraltet wären, würde es der Mühe lohnen, sio zu durchblättern, um die Beschaffenheit eines Geistes kennen zu lernen, der sogar einem Bismarck imponierte, und dessen Gewalt sich die adelstolzen und rassestolzen Herrengeschlcchter Englands .viele Jahre hindurch willig beugten. Aber die Romane sind gar nicht schlecht noch veraltet. Sie waren, dem Geschmacke jener Zeit entsprechend, die noch nicht durch den Telegrammstil unserer Epoche des Minutengewissens und des „quick hmclV auch im Geistigen verdorben war, — sie waren sehr lang und weitschweifig. Aber ein paar Kürzungen genügen, um sie völlig zeitgemäß aufzustutzen, und dann stehen sie in einer Form da, die auch uns noch etwas, nein, sogar viel geben kann. Denn sie sind geschrieben von einem Manne, der ein Dichter war, weil ihm die Gewalt gegeben war, lebendige Menschen nachzuempfinden und darzustellen, und der ein großer Dichter war, weil er eine geschlossene Weltanschauung besaß. Weil er, wie sein Stammesgenosse, Zeitgenosse und Mitwerber um die. höchste Geltung in der europäischen Gesellschaft, wie Ferdinand Lassallo — der zwar keinen Roman, aber ein Drama, den Sickingen, geschrieben hatte — „mit der ganzen Bildung seiner Zeit bewaffnet waru, die sich zu einem großartigen Weltbilde -geordnet hatte: zu einer „Idee" mit ihrer treibenden Kraft zur Selbstverwirklichung. Was ihn zum bedeutenden Dichter machte, machte ihn — wir erkennen es mühelos — zum noch größeren Staatsmann: sein Weltbild, das ihm die hohen Ziele steckte, und seine tiefe, auf psychologischer Intuition beruhende Kenntnis seiner Mitmenschen, die sie ihm als Mittel zu seinen Zielen, als gefügige Werkzeuge, in die Hände gab. Gleich seinem großen Landsmann Thomas Morus, der auch ein Staatsmann war, weil er ein Dichter von Rang war, gleich Morus, dem Dichter und Denker der „Utopia", war er konservativer Sozialist Oder nein: jener war es, denn er glaubte daran, daß durch eine grundstürzende Aenderung der politischen und wirtschaftlichen Lagerung der Menschen eine weitreichende Verbesserung ihrer intellektuellen und moralischen Haltung herbeigeführt werden könne. Disraeli aber war nur sozial konservativ, weil er nicht an die Macht des Politischen und ökonomischen, sondern nur an die Macht der Idee glaubte. Er ist in bezug auf den Menschen ebenso sehr Pessimist, wie der Renaissancemensch Morus im humanistischen Glauben an die Güte der Menschennatur Optimist gewesen war. Morus hält die Menschen für Halbgüttor, die nur in die rechte Staatsverfassung eingeordnet werden müssen, um fast vollkommen zu sein, Disraeli aber für Halbtiere, die nur