Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 8 (25.1.1918)
- Article
- Die deutsche Regierung und der Zionismus
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 175 (sequence 2)
- Language
- German
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175 Die deutsche Regierung hat in dieser Erklärung alles, was sie bisher im Kriege zugunsten der Juden in Palästina getan hat und wofür ihr der Dank der Zionisten ausgesprochen wurde, als den Ausfluß eines Prinzips hingestellt, des Prinzips dor Förderung der aufblühenden jüdischen Siedlung in Palästina. Die Abgabe der Erklärung gerade jetzt ist kein Zufall. Seit Beginn des Krieges ist der Zionismus bei allen Völkern und Regierungen immer mehr auf Verständnis und Zustimmung gestoßen, bis die offizielle Erklärung der englischen Regierung dem jüdischen Volke das Recht auf ein nationales Leben in Paliistina anerkannt und damit eine Unterstützung der zionistischen Bestrebungen zugesagt hat. Diese Erklärung hat mit den Kriegszielen der Entente nichts zu tun: sie läßt die Frage der politischen Herrschaft über Palästina dahingestellt und anerkennt ein national-jüdisches Leben in Palästina unabhängig von der politischen Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Mächtegruppe. Danach mußten die Mittelmächte das Wort ergreifen. Sie als die rechtmäßigen politischen Besitzer des Landes konnten die politische Zukunft desselben als eines türkischen Landes nicht in Frage stellen, durften die Frage der späteren Staatshoheit nicht offen lassen, mußten vielmehr Palästina für die Türkei in Anspruch nehmen. Der Zionismus hat niemals einen Zweifel daran gelassen, daß seine Bestrebungen nur auf ein jüdisches Palästina unter türkischer Herrschaft gerichtet sind. So war die Bahn für eine Verständigung frei. Graf C zernin hat den Anfang mit einer Sympathiekundgebung gemacht. Der Großwesir des Osmanischen Reiches Talaat Pascha hat in einer ausführlichen Unterredung, die er Herrn Dr. Julius Becker gewährt hat1), . der Öffentlichkeit die Absichten enthüllt, die seine Regierung mit der jüdischen und insbesondere zionistischen Arbeit in Palästina hat. Er hat seine Pläne und Bestrebungen nicht, wie die englische Regierung, in eine Formel gekleidet, hat kein staatsrechtliches oder völkerrechtliches Schema gewählt, um mit allgemeinen Begriffen die palästinensische Judenfrage zu lösen. Er hat vielmehr zu den konkreten Fragen, deren Lösung die ersten praktischen Notwendigkeiten einer jüdischen Siedlung sind, Stellung genommen. Gerade diese Individualisierung, die sich von jedem politischen Typ freihält, macht seine Ausführungen •wertvoll. Danach will die türkische Regierung den Juden freie Betätigung auf geistigem und kulturellem Gebiete gewähren, ihnen die Schulen aller Grade und Ordnungen, Presse, Literatur, Kunst und Religionsausübung überlassen. Die freie Entwicklung der kulturellen Eigenart ist somit anerkannt. Der Großwesir hat ferner zur Frage der jüdischen Einwanderung nach Palästina Stellung genommen. Seine Antwort war kein einfaches „ja"; er hat vielmehr die Einwanderung von den natürlichen Grenzen der Aufnahmefähigkeit abhängig ge- ' macht. Es sollen nicht mehr Menschen mit einem Male in das Land kommen, als das Land jeweils ernähren kann — eine durchaus gerechte und begründete Beschränkung, die, wenn sie ihnen die Türkei *) „Vossische Zeitung" vom 31. Dezember 1917 (Abendausgabe).