Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 7 (10.1.1918)
- Article
- Zur Kolonisationsfrage in Palästina
- Date
- 1918-01-10
- Page
- Seite 165 (sequence 2)
- Language
- German
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165 Standes inmitten einer Wirtschaftsgesellschaft, der sozialen Gerechtigkeit zum Siege verholfen werden kann, dürfte ernsthaft kaum bestritten werden können. Was jedoch als Voraussetzung für das Gedeihen und die Vermehrung oder gar Vorherrschaft bäuerlicher Betriebe Geltung haben muß, ist das Vorhandensein einer durch Milieu und Tradition gegebenen berufstätigen ländlichen Bevölkerung, die im Stande ist, alle im landwirtschaftlichen Betrieb vorkommenden Arbeiten mit Geschick und Sachkenntnis auszuführen und die in sich geschlossenen Einzelwirtschaften rationell zu leiten. Diese wichtigste Voraussetzung fehlt, auf Grund geschichtlicher Verumständung, den Juden, und darum ist es falsch, gegenwärtig für die jüdische Kolonisation in Palästina in der Hauptsache die kleinbäuerliche Betriebsart zu empfehlen und zu propagieren. Es fehlt nicht; nur die für den Bauernbetrieb unumgänglich nötige Landfrau, die die Hof-, Garten- und Hauswirtschaft zu besorgen versteht, sondern auch fast für alle Männer ist die Betätigung auf Grund und Boden ein Novum. Die vorhandenen einzelnen Fachleute und die wenigen jüdischen Bauerni'amilien, die im Osten Europas in echt bäuerlichem Sinn auf ihrer, ihnen lieb gewordenen Scholle leben, können und dürfen nicht maßgebend sein für die Erwägung, welche Betriebsart bei der jüdischen Kolonisation in Palästina zu wählen sei, da sie ja nur eine Ausnahme bilden und nur wenige von diesen wenigen große Lust zur Auswanderung nach Palästina bezeugen. Es handelt sich ja in der Hauptsache um Leute, die — das sei gern zugegeben — mit guten Eigenschaften des Geistes und der Seele ausgestattet sind; manche bringen auch die rein körperliche Eignung zu manuellen Arbeiten mit, aber es sind doch mit verschwindenden Ausnahmen Menschen, die bis zu ihrer Einwanderung in Palästina nicht nur keine Arbeit in Feld und Garten ausgeführt haben, sondern auch selten aus der Stadt herausgekommen sind und fast nie Sinn und Interesse für ländliches Leben und landwirtschaftliches Schaffen hatten. Diese und solche Menschen können, sofort auf kleinbäuerliche Betriebe gesetzt, nie und immer sich und das Siedlungswerk in Palästina vorwärts bringen. Das nationale Judentum, das sich eine eigene Volksgemeinschaft gründen will, muß vorerst auch in bezug auf Berufseignung und Berufsschichtung, eine Regenerationsperiode durchmachen. Ein Stadium des Um- und Erlernens ist eine absolute Notwendigkeit. Mit diesem Gedanken, dieser zwingenden Vorausctzung muß man sieh abfinden und muß dementsprechend die erste Phase der „praktischen Arbeit" einleiten. Es erscheint zweckmäßig, ja notwendig, die Ausbildung tüchtiger landwirtschaflicher Vorarbeiter, technisch geschulter und geübter Agrar-Handwerker, beruflich gründlich gebildeter und praktisch erfahrener Wirtschaftsbeamter und Betriebsleiter in den Wirtsländern der Juden zu veranlassen und dieses Werk durch Erteilung materieller