Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 6 (25.12.1917)
- Article
- Die Judenfrage in der Internationale
- Date
- 1917-12-25
- Page
- Seite 136 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Die Judenfrage in der Internationale*) Von Helene Hanna Cohn, München §]^§^as Friedensmanifest, das die Abgesandten der skandinavischen sIIötw Länder und Hollands im Auftrage des Organisationskomitees P$£~J& der Stockholmer Sozialistischen Konferenz an die der Internationale angehörigen Parteien gerichtet haben, enthält die folgenden Forderungen: ' „Internationale Lösung der Judenfrage: Personalautonomie in den Gebieten Rußlands, Österreichs, Rumäniens, Polens, wo die Juden in geschlossenen Massen wohnen; Schutz der jüdischen Kolonisationin Palästina." Ferner wird bei der Forderung der Errichtung eines freien, unabhängigen Polens die Notwendigkeit der „Sicherung der wirtschaftlichen Entwicklung und Autonomio der jüdischen und anderen nationalen Minoritäten" betont. Dieses Programm besagt, daß das Organisationskomitee die Juden als eine besondere Nation anerkennt und dem Sozialistenkongreß, der über kurz oder lang ja doch einmal zustande kommen muß, aufgeben wird, sich mit der Judenfrago als einem nationalen Problem zu befassen. Wird das erreicht, so findet ein alter Streit seine endliche Losung, dessen Verläuf nicht nur für die Entwicklung,des Judentums, sondern auch für diejenige der Internationale von Bedeutung ist. Die Behandlung der Judenfrage durch die Internationale würde nämlich oinen deutlichen Beweis bilden für die immer stärker werdende Nationalisierung sowohl des Judentums wie auch der sozialdemokratischen Parteien. Die Aufnahme der Judenfrage in das Friedcnsprogramm wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht die Weltanschauung der jüdischen Nationalisten über diejenige der jüdischen Assimilanten gesiegt hätte; sie wäre aber auch nicht möglich gewesen, wenn die sozialdemokratischen Parteien nicht immer mehr von der Anerkennung des Staatenprinzips zu derjenigen des Nationalitätenprinzips übergegangen wären, Dio Nationalisierung des Judentums und die Nationalisierung der Sozialdemokratie haben sich in den letzton beiden Jahrzehnten als zwei gleichzeitige, aber voneinander unabhängige Strömungen entwickelt. Sie haben sich jedesmal berührt, wenn auf sozialdemokratischen Kongressen die Frage der Vereinigung jüdischer Arbeiterorganisationen zu einer besonderen Sektion in der Internationale aufgeworfen wurde, waren aber bis jetzt beide zu schwach, um eine Bejahung dieser Frage und damit eine Anerkennung der Juden als einer besonderen Nation herbeizuführen. Bei einem Überblick über das frühere Verhältnis zwischen Internationale und jüdischer Arbeiterschaft läßt sich ihrer beider Entwickhing zum Nationalismus deutlich verfolgen. *) Wir bringen diese überaus aktuelle Darstellung anstatt der Umschau, *)ie in dem nächsten Heft wieder fortgesetzt wird. D. Red.