Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 6 (25.12.1917)
- Article
- Die außenpolitische Bedeutung der nationaljüdischen Bewegung
- Date
- 1917-12-25
- Page
- Seite 129 (sequence 2)
- Language
- German
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129 selbst Juden oder Freunde der Juden sind, ein andermal, weil sie die Erfüllung der jüdischen Bestrebungen für besonders wichtig halten und ganz bestimmte Hoffnungen an ihre Verwirklichung knüpfen. Dies letztere ist zweifellos auf der Seite der Entente der Fall. Schon im Frieden ist im internationalen Spiel die Kenntnis und Ausnützung möglichst vieler (vor allem der wichtigen) Tatsachen von großer Bedeutung. Erst recht aber, wenn es sich, wie jetzt, darum handelt, in einem sich seinem Ende zuneigenden Kriege von ungeheuren Dimensionen und wirtschaftlich-politischen Folgen, alles das zusammenfassen, was der eigenen Stellung von Vorteil sein könnte. Es soll hier nicht im allgemeinen darüber gesprochen werden, ob diese Dinge den Mittelmächten oder der Entente im großen und ganzen besser gelungen sind. Vielmehr soll an dem einen Fall gezeigt werden, um wie vieles besser unsere Gegner, vorab die Engländer, die nationalen Bestrebungen des Judentums für ihre Zwecke auszunützen verstehen als Deutschland und seine Verbündeten. Mit dem Schlagwort vom Selbstbcstimmungsrecht der Völker wird von der Entente sicherlich recht viel Unfug verübt. Und die von den Bolschewiki in Petersburg enthüllten Geheimakten haben auch auf diesen Teil der Ententearbeit ein lehrreiches Schlaglicht geworfen, so daß wir heute eine Fülle von Beweisen dafür haben, daß unseren Feinden das Selbstbcstimmungsrecht der Völker in erster Linie ein Mittel ist, ihren besonderen Kriegszwecken nützlich zu sein. Indessen kann man nicht leugnen, daß es ihnen mancherlei gute Dienste geleistet und allerhand Sympathien verschafft hat. Einer der letzten Ententeschachzüge auf diesem Feld war die Veröffentlichung des Briefes, den der englische Minister für auswärtige Angelegenheiten, Balfour, am 2. November dieses Jahres an Lord Rothschild gerichtet hat. In diesem Briefe teilt Balfour mit, daß die britische Regierung eine Sympathieerklärung für die zionistischen Bestrebungen angenommen habe und die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen betrachte, und daß sie die größten Anstrengungen machen werde, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern. Diese britische Regierungserklärung ist sicherlich durchaus ernst gemeint und nicht, wie vielerorts anfänglich geglaubt wurde, eine bloße Mache. Es. versteht sich freilich von selbst, daß diese Stellungnahme der englischen Regierung nicht etwa aus besonderer Vorliebe für das Judentum, sondern aus wohlerwogenem eigenem Interesse heraus erfolgt ist. Erstens möchte man die vielen einflußreichen Juden in allen verbündeten, aber auch in den neutralen Ländern (vielleicht hat man dabei auch an Rußland gedacht) für speziell englische Zwecke gewinnen. Dann aber will man, unter der Voraussetzung, daß die eroberten Gebiete der Türkei nicht mehr geräumt werden, in dem für die englischen Pläne geographisch so günstig gelegenen Palästina einen England ergebenen jüdischen Staat schaffen, der eine der wichtigsten Übergangsstellen des europäisch-afrikanischen Verbindungswegs mit Indien zu bewachen hätte. Die Sicherstcllung der Wege von