Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 5 (10.12.1917)
- Article
- Die Juden als Träger europäischer Wirtschaftskultur in Palästina
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 116 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908719-2910418--1303-2910450- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
116 Europäisierung das reichste Feld, die schönsten Entwicklungsmöglichkeiten. Allerdings muß man sich von der Vorstellung befreien, als könne man in Palästina einfach europäische landwirtschaftliche Methoden einführen. Für die palästinänsische Landwirtschaft müssen, wenn sie auf einen europäischen Verhältnissen entsprechenden Standard erhoben werden soll, durch nie ermüdende Versuche Methoden gefunden werden, die sich den geologischen, geographischen, klimatischen Bor dingungen des Landes anpassen, die Steuer- und Zollgesetzgebung berücksichtigen, zugleich aber auch der Eigenart der arabischen Landbevölkerung entgegenkommen. Die arabische Landbevölkerung jedoch wird, nachdem sie Jahrtausende lang dieselbe Wirtschaftsform gepflegt hat, kaum die Initiative finden, durch unablässige Arbeit, durch immer wieder angestellte Versuche zu einer völlig neuen Wirtschaftsweise zu kommen. Einzelne Neuerungen würde sio sich aneignen können, um aber zu einem-seiner bisherigen Wirtschaftsweise kaum noch ähnlichen neuartigen Wirtschafts System zu kommen, dazu ist der Fellache seiner ganzen Veranlagung nach zu konservativ, zu traditionell, zu schicksalsergeben, dazu braucht er eine stark ins Auge fallende Einwirkung von außen her. Von wem soll diese kommen? Die erste Antwort lautet natürlich: Von der türkischen Regierung. Doch was kann diese in absehbarer Zeit tun? Sie kann durch alle möglichen Methoden (landwirtschaftliche Versuchsanstalten, Wanderlehrer, Belehrungen über landwirtschaftliche Maschinen, über Verwendung von künstlichem Dünger) theoretisch auf die einheimische Bevölkerung zu wirken suchen. Große durchschlagende Erfolge sind unserer Ansicht nach davon nicht zu erwarten. Wer weiß, wie niedergedrückt bislang die eingeborene Fellachenbevölkerung durch das Steuer- und Zollsystem, sowie die Grundbesitzverteilung war, wer weiß, wie mißtrauisch gerade die Bauern sich allen Regierungsmaßnahmen gegenüber verhalten, wer weiß, wie kulturell tiefstehend das an sich intelligente Volk ist — von den Fellachen sind mehr als 95% Analphabeten —, der erkennt, wie sehr ständige lebendige Einwirkung vor allen anderen Methoden den Vorrang hat, und dies ist in Palästina in hervorragendem Maße gegeben: auch nach großzügiger Steuer-, Zoll- und Agrar-Reform wird der Orientale an vielen anderen Stellen der Türkei Jahrzehnte gebrauchen, ehe er seine Wirtschaft nach den dem Orient angepaßten europäischen Methoden intensiviert, die Erträge möglichst gesteigert hat* In Palästina dagegen hat er die intensive jüdische Landwirtschaft ständig vor Augen, sieht, was man auf kleinen Parzellen dem Boden abringen kann; das schafft ganz andere physische Dispositionen für jede Art der Reformierung, und wie in der Landwirtschaft, so ist es natürlich auch in allen anderen Zweigen wirtschaftlicher Betätigung. Junge schreibt an einer Stelle seines Buches, daß die Regelung des Kleinkreditwesens eines der wesentlichsten wirtschaftlichen Probleme des Orients ist, die heutige türkische Regierung ist auch bestrebt, das Kreditwesen in einer orientalischen Verhältnissen möglichst angepaßten Form in der Türkei zu organisieren. Aber auch hier liegt es klar zu Tage, wie wenig staatliche Maßnahmen, staatliche Agitation, sogar unter Zuhilfe-