Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 5 (10.12.1917)
- Article
- Die Juden als Träger europäischer Wirtschaftskultur in Palästina
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 115 (sequence 4)
- Language
- German
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schaftlichen Lebens stark bemerkbar machen. Wir führten bereits oben aus, daß den Engländern nach der Ansicht eines ihrer hervorragenden Vertreter die Seele des Orientalen ein Rätsel geblieben ist. Wenn sie dennoch in Ägypten unzweifelhaft bedeutende wirtschaftliche Erfolge gehabt haben, so beruht das zum größten Teile darin, daß in Ägypten eine Monokultur (Baumwolle) technisch und wirtschaftlich durchführbar ist; dem Engländern war damit die Möglichkeit gegeben, durch großo technische Leistungen — insbesondere die Wasserwerke am Nil — die orientalische Wirtschaft als Ganzes weiterzubringen, ohne zu dem einzelnen Orientalen in ein wirkliches Verhältnis zu treten. Wie schwer sich die Russen gegenüber der einheimischen orientalischen Bevölkerung versündigt haben, das wird jeder empfinden, der sich ernsthaft mit Reinhard Junge's ausgezeichnetem Werke „Die Europäisierung orientalischer Wirtschaft" (Weimar 1916, Kiepenhauer) beschäftigt hat. über das Unheil, das die europäischen Großmächte in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege in der Türkei angerichtet haben, brauchen wir wohl an dieser Stelle nicht ausführlich zu handeln. Europäer und Orientalen sind und waren durch Welten von einander getrennt. Dagegen ist das innere Verhältnis der Juden zu dem Bewohner der Türkei ein völlig verschiedenes. Ich kann auf diese Dinge hier nur ganz kursorisch eingehen und gedenke sie in andern Zusammenhängen ausführlich zu behandeln. Hier sei insbesondere bemerkt, daß die Juden — vor allem die, die für das zionistische Kolonisationswerk in Frage kommen —, ein orientalische Volk sind, ein Volk, das den Arabern rasse- und sprachverwandt ist, das von einem jeden gilt, was Buber über den wundersamen Chassid unserer Tage gesagt hat („Vom Geiste des Judentums"): „Hier ist verkümmert, verzerrt, dennoch unverkennbar asiatische Gewalt und asiatische Innerlichkeit." Christenverfolgungen hat es in der Türkei gegeben, Judenverfolgungen niemals. Der islamitische Fanatismus hat sich noch nie gegen die jüdische Religion gewendet; seine Vertreter wußten es nur zu genau, daß den Juden nichts ferner lag, als Mission in der Türkei zu treiben. Diese Tatbestände schaffen eine ganz andere innere Einstellung der Bewohner Palästinas zu den Juden, schaffen weit größere Einwirkungsmöglichkeiten; und an diesen wird es in Palästina wahrlich nicht fehlen. Wir werden einzelne herausgreifen und nachweisen, wie sehr sich. die jüdische Einwirkung von jeder arideren europäischen unterscheidet, unterscheiden m u ß; denn Palästina ist das einzige orientalische Land, in dem durch die große Zahl der Europäer ein ständiger lebendiger praktischer Einfluß auf den Orientalen möglich ist. Die Landwirtschaft bildet augenblicklich und auch in absehbarer Zeit den Kern der Wirtschaft Palästinas. Sie ist die Grundlage clor arabischen Wirtschaft und steht auf außerordentlich niedriger Stufe, wird europäischen Forderungen noch weniger gerecht, ist von europäischen Methoden und Erträgnissen noch weiter entfernt, als die Wirtschaftsweise der städtischen Bevölkerung. Hier bietet sich für eine