Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 5 (10.12.1917)
- Article
- Jüdische Gemeinschaft
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 107 (sequence 2)
- Language
- German
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W7 Die Gemeinschaft ist mehr als das bloße gegenseitige (reflektorische) Einwirken ihrer Mitglieder aufeinander. Dies ist nur ein psychologischer Vorgang. Das Wesentliche ist, daß der Reflex Richtung gibt, die individuellen Kräfte auf dasselbe Ziel lenkt, Mit-Sehöpfortum veranlaßt und die Teilnahme an einem gleichen Wollen. Auch das Dasein der einzelnen vollzieht sich innerhalb der Gemeinschaft; nicht auf Grund eines mechanisch-ökonomischen Prinzips (Arbeitsteilung), sondern in der Ausprägung der eigenen Gestalt (im-gemeinschaftlichen Material) und den persönlichen Entschlüssen und Taten (in der gemeinschaftlichen Richtung). Die jüdische Gemeinschaft ward durch die Diaspora nicht gestört. Innerhalb einer fremden, zum Teil entgegengesetzten seelischen Situation konnte die erste Aufgabe des neuen Daseins ja nur durch das Fortbestehen der eigenen Gemeinschaft gelöst werden; diese Aufgabe': das Verstehen der fremden Artung. Die Auseinandersetzung, Durchdringung, Bereicherung und Gegnerschaft mit den europäischen Werten hat nicht nur die Voraussetzung, daß man jene Werte als Werte, sondern auch als neue erkannte: über die der eigene Gemeinschafts-Inhalt noch nicht verfügt. Das Erlebnis des europäischen Geistes durch die Juden setzt also ihren eigenen Geist (d. i. der Gemeinschafts-Inhalt) voraus; sonst wären sie ein Vakuum, in das die Gegenstände sich ganz zufällig ergießen. Die Beziehung Jude-Europäer (möge auch ihre Spannung sich noch so verringern) hat zwei Pole, außer dem europäischen auch den jüdischen. Der lächerliche Vorv/urf, daß der Jude ein so leidenschaftlicher Konsument geistiger Werte sei, beweise, daß er selbst keine besitze, ist die unsinnigste Verkehrung der Wahrheit, die leibhaftige Unlogik. Man vergißt, daß jedes Bedürfnis Zeichen eines Besitzes ist, dessen Lücken man spürt. Oder man müßte jedes Angebot hinnehmen, kritiklos, oline Auswahl und Unterscheidung. Die Selektions-Fähigkeit ist also nicht nur ein psychologisches Moment, sondern auch ein Zeichen von Eigentum, selbstischer Schöpfung, inhaltlicher Gemeinschaft. Sie ward dem Juden nie abgestritten, dafür immer wieder zum Vorwurf gemacht. Die Gemeinschaft zeigt sich auch im gleichen Reagieren auf verschiedene äußere Reize. Es gibt gewisse nationale Gesten und Motive in Europa, die die Juden allerorts gleich fremd berühren; wenn etwa auch geistige Dinge mit germanisch-nüchterner Ordnungsliebe behandelt werden; die Schroffheit der Machtverhältnisse . . . Doch auch im Positiven finden wir gleiches Reagieren: die Hingabe an die verschiedenst gestimmten Freiheitsbestrebungen, deren ideeliche Leidenschaft den Juden stets berauscht. Die jüdische Gemeinschaft hat ein doppeltes Gesicht: sie ist sowohl in der Entscheidung zur Welt und ihrer Unbedingtheit als im seelischen Beieinander; als außermenschliche Gemeinschaft mit Gott und als innermenschliche Gemeinschaft d e s V o 1 k s. Die Gemeinschaft mit Gott nehmen wir nicht in dem individualen, unkontrollierbaren Sinn der Mystiker und Sektierer. Bei diesen ist sie