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Neue jüdische Monatshefte · 1917-12-10 · Heft 5 (10.12.1917) · p. Seite 106

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 5 (10.12.1917)
Article
Die Juden und die russischen Revolutionsregierungen
Date
1917-12-10
Page
Seite 106 (sequence 3)
Language
German
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106 achtung der konkreten Verhältnisse wird eine derartige" Annahme sofort als irrig von sich weisen müssen. Die russische Judenheit, die zumeist aus kleinbürgerlichen Elementen besteht, ist ebensowenig revolutionär oder gar anarchistisch gesinnt und gestimmt wie jede andere ihrer inneren Struktur nach analoge Schicht der Bevölkerung. Tatsächlich üben die russischen Juden einen politischen Einfluß in den verschiedenartigsten Parteien aus — mit Ausnahme vielleicht der ganz rechts stehenden Gruppen, die im stillen eine Rückkehr zum alten Regime herbeisehnen mögen. Wir finden sie sowohl in der Partei der Volkßfreiheit * (Partei der Kadetten) als in sämtlichen Fraktionen der gemäßigten Sozialisten. So sehen wir beispielsweise den Juden Winawer Innerhalb det Kaftettischen Partei eine rege, und intensive Aktivität entfalten, so treffen wir in den gemäßigteren Fraktionen des russischen Sozialismus die Juden Martow (Zederbaum), Dan (Hurwitz) und Lieber an. So gehört der Jude A. Hessen zu denen, die an der Spitze des Hauptorganes der Kadettischen Partei, der „Rjetsch" stehen, welch« letztere nebenbei gesagt von jüdischen Mitarbeitern förmlich wimmelt, und in deren deutschfresserischen Redaktion das jiddische Mittelhochdeutsch ebenso oft und gern wie das Russische gesprochen wird. Nein, die russischen Juden sind im allgemeinen ebensolche gute und brave Bürgersieute, wie deren Volksgenossen in allen anderen Ländern, und erwarten von ihrer Emanzipation nichts anderes, als eben das, was jeder Bürgersmann von der Freiheit erwartet. Das starke Hervortreten der Juden in den extremen Parteien und Fraktionen ist lediglich eine Frucht ihrer politischen Betätigung von früher her: weil die beweglicheren Teile der russischen Judenheit durch die Politik des alten autokratischen R6g!mes in das extrem-revolutionire Fahrwasser hineingetrieben worden waren und nebenbei in der Schule der Revolution die Fähigkeit erwarben, sich strammer zu organisieren und geschlossener aufzutreten, so war es ganz natürlich, daß sie auch nach dem vollzogenen Umsturz sich bemerkbarer als alle anderen machten, die verhältnismäßig wenig Gelegenheit gehabt hatten, sich planmäßig zu organisieren, um ihre Wünsche und Forderungen vorzubringen. Und abgesehen davon — machen doch die extremen Elemente am meisten von sich reden und lenken die meiste Aufmerksamkeit auf sich, und da ist es auch nicht verwunderlich, wenn die sich darunter befindenden Juden vor allen anderen in den Blickpunkt des Bewußtseins faUen. Jüdische Gemeinschaft Von Dr. Rudolf Kayser, Berlin I^Mio iüdisc*ien Taten sind die Manifestationen des jüdischen cij //jÄ) Woßens als e*ner Gemeinschaft. Menschen sind in Zeit und Sii~^o Raum verbunden durch geistigen Inhalt; seine Formen wechseln, und er selbst durchdringt sich mit fremden Inhalten; Intensität und Tätigkeit sind verschieden in Individuen, Lagen und Ländern. Die Objekte der Tathandiungen wandeln sich in der Zeit.

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