Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 5 (10.12.1917)
- Article
- Die Juden und die russischen Revolutionsregierungen
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 105 (sequence 2)
- Language
- German
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105 politischen Tätigkeit der Wirtsvölker, dies scheint dem russischen Judentum durch die Tatsache der russischen Revolution mit einem einzigen Schlage in den Schoß gefallen zu sein. Aber dies scheint nur so. Nicht die Tatsache der russischen Revolution an sich ist es, die der russischen Judenheit den Zutritt zu den politischen Angelegenheiten des Landes gewährte, sondern vor allem die lange und zähe Mitarbeit der russischen Juden selber an dem harten Kampfe gegen das sie bedrückende automatische Regime des gewesenen Rußlands. Die Rolle der russischen Judenheit im politischen Leben des russischen Landes ist die schmerzensgeborene, man kann sagen blutgetränkte Frucht ihrer ganzen Vorgeschichte während einer langen Reihe von Jahren. Die nissische Judenheit hat sich ihre Freiheit mit Blut erkämpft und erarbeitet, während die westeuropäische Judenheit ihre Emanzipation so gut wie geschenkt bekommen hat. Die russische Judenheit erwies sich daher mit dem Augenblicke des russischen Revolutionsausbruches mitten drin, weil die sich vor ihr auftuenden nachrevolutionären Aufgaben im engsten Konnex mit deren vorrevolutionären Tätigkeit standen, und weil sie keinen Sprung vom Reiche der A-Politik in das der Politik zu machen brauchte, wie es der Fall mit dem v/esteuropäischen Judentum war. Das westeuropäische Judentum, das während der ganzen Zeit vor dessen Emanzipation abseits von jeder Anteilnahme am politischen Treiben seiner Wirtsvölker stand, sah sich im Momente der Befreiung mit einem Male durch eine tiefe, fast unüberbrückbare Kluft vom gesellschaftlich-politischen Leben dieser Wirts Völker getrennt. Der westeuropäische Jude wurde also seit dem Augenblicke seiner Befreiung vor die Alternative gestellt, entweder sein Judentum aufzugeben, um in das gesellschaftlich-politische Getriebe des Wirtslandcs eingreifen zu können, oder auch in seinem Judentume zu verbleiben und das Leben des Abseitsstehenden fortzusetzen, das er vor seiner Emanzipation geführt hatte. Eine und dieselbe Logik der Tatsachen ist es, die in dem einen Falle das jüdische Element zu einem politischen Faktor erhob, und die in dem anderen Falle^ dieses Element aus dem politisch-gesellschaftlichen Leben ausschaltete. Und von hier aus fällt ein grelles Licht auf eine Erscheinung im politischen Leben Rußlands während der letzten Zeit, die auf den ersten Blick einiges Befremden erwecken könnte und mitunter zu irrigen Schlußfolgerungen Anlaß gibt: Je mehr die Rovolutionsrcgierungen nach links abbiegen, desto schärfer gibt sich der Einfluß der Juden in diesen zu erkennen, desto schwerer fällt dieser Einfluß ins Gewicht für das allgemeine gesellschaftliche Leben des Reiches. Ob wir es hier mit einer segensreichen Erscheinung zu tun haben oder nicht — dies kann vorderhand dahingestellt bleiben und berührt den Kern unserer Frage nicht. Tatsache ist, daß die schärfere Pointierung der von links ausgehenden Forderungen auch die politische Betätigung der Juden präg- . nanter hervortreten läßt. Man wird sich dabei fragen müssen, ob die russische Judenheit in der Tat solche revolutionären Potenzen in sich birgt, ob diese Judenheit als Ganzes genommen in der Tat eine ihrer Natur nach revolutionierende Masse bildet. Eine unbefangene Beob-