Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 5 (10.12.1917)
- Article
- Deutschlands auswärtige Politik und die östlichen Fragen
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 103 (sequence 5)
- Language
- German
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105 wirtschaftlichen und politischen Entwicklungsbedingungon eines solchen Polens sprechen mit unüberhörbarer Eindringlichkeit, dagegen. Die polnischen Wünsche z.B. nach Angliederung litauischen und weißrussischen Gebiets, ohne die es — das sagt man in Polen ganz offen — niemals eine deutschfreundliche Politik geben könne, stellen einen Anfang dar, dessen Fortsetzung gar nicht so schwer zu erraten ist. Das Kapitel Polen ist eins der unerfreulichsten in diesem Krieg. Es ist ganz merkwürdig, mit welcher Ungeniertheit die gerade erst selbst befreiten Polen die Auslieferung fremdstämmiger Gebiete für sich verlangen. Ganz davon zu schweigen, mit welcher Rücksichtslosigkeit sie die jüdischen Bewohner ihres Landes unterdrücken. Darüber wäre viel zu sagen; in diesem Zusammenhang möge das Folgende genügen. Wer sich die Mühe nimmt, das polnische Judentum näher kennera zu lernen, wird bald zu der Überzeugung kommen, es hier mit einem besonderen und selbständigen Volks teil zu tun zu haben. In der Tat, die Ostjuden sind in Sprache, Sitte und Gewohnheiten etwas absolut anderes, als die übrigen Bewohner des Landes. Sie bilden eine Welt für sich, sie sind eine andere Nationalität, eine nationale Minderheit im polnischen Gebiet. Und vor allem: sie wollen es sein. Sie verlangen, als Nationalität " angesehen und behandelt zu werden und beanspruchen das gleiche Selbstbestimmungsrecht wie die anderen kleinen Nationen des Ostens. Dafür sind die Polen aber unter keinen Umständen zu haben. Im Gegenteil. Sie suchen auch die bestehenden, ach so geringen, Staatsbürgerrechte der Juden auf Schritt und Tritt einzuschränken. Kein Wunder, daß der HjtB' zwischen Polen und Juden riesengroß geworden ist. Auch für das polnische Judentum vermöchte die hier dargelegte allgemeine Politik von großem Nutzen zu sein und wahrscheinlich auch ihm die so sein1 begehrte kulturelle Autonomie bescheren. Das läge auch im deutschen Interesse, denn das Ostjudentum wird nach dem Kriege ebenso wieder einer der Hauptträger der wirtschaftlichen Verbindung mit Rußland sein wie es das vor dem Kriege war. Und ein in seinem Selbstbewußtsein durch das Selbstbestimmungsrecht gehobenes Judentum wird dieser Aufgabe in viel höherem Maße gerecht werden können. Nur in kurzen Strichen konnte hier die Auffassung derer dargelegt werden, die ein gutes Verhältnis zu Rußland als das wichtigste Ergebnis des hoffentlich bald beendeten Riesenkampfes ansehen. Ohne dieses gute Verhältnis wird das festländische Europa nie zur Ruhe kommen und England wird sein Schiedsrichter bleiben. Auch an ernsthafte Abrüstungen wird man nicht denken können, wenn nicht durch die Einigung Kontinentaleuropas so etwas wie ein Weltgleichgewicht gegen die sonst übermächtige Stellung der beiden angelsächsischen Imperien hergestellt wird. Es ist wahrscheinlich, daß der demnächst zusammentretende Deutsche Reichstag die Fragen der Kriegsziele wiederum erörtern wird. Man darf annehmen, daß es dann seiner Mehrheit gelingt, den Weg zur Verständigung zwischen den Völkern zu finden. Er führt über den