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Neue jüdische Monatshefte · 1917-11-10 · Heft 3-4 (10.11.1917) · p. Seite 87

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 3-4 (10.11.1917)
Article
Polen nach der ersten Teilung
Date
1917-11-10
Page
Seite 87 (sequence 2)
Language
German
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87 der Provinz Posen abgeschnitten. Zugleich damit wurde der kompakte Organismus der polnischen Judenheit zerstückelt. Ein Teil dieser tief eigenartigen, in sich geschlossenen Masse wurde mit einem Male zum Gegenstande der „umbildenden1* Experimente im Laboratorium Josephs II. geworfen; der andere sah sich in die Rolle des „geduldeten44 in der Staatskaserne Friedrichs II. versetzt, der die polnischen Provinzen lieber ohne deren jüdische Bevölkerung genommen hätte; der dritte Teil davon geriet unter die Botmäßigkeit Rußlands, das sich bis dahin mit dem Vorhandensein eines Häufleins Juden innerhalb des kleinrussischen Grenzgebietes nicht befreunden konnte. Das nach der chirurgischen Operation des Jahres 1772 übriggebliebene zusammengeschrumpfte Zentrum der Judenheit in Polen erlitt auf seine Art die Krämpfe eines Staates im Zustande der Agonie, dem noch zwei Teilungen bevorstanden. Das sterbende Polen warf sich hin und her und rang nach einem Lebenselixier in den Reglementen des Ständigen Rates, in den Reformen des Vierjährigen Seims (1788—1791). Im Zusammenhange mit den allgemeinen Reformen machte sich das Bedürfnis nach der Heilung des alten Gebrechens — der Lösung der Judenfrage fühlbar. Die Finanzkommission des Vierjährigen Seims sammelte Erkundigungen über die Zahlverhältnisse der jüdischen Bevölkerung in Polen nach der ersten Teilung, über deren wirtschaftliche und kulturelle Lage — und hier sind die Ergebnisse der offiziellen» Untersuchungen, wie sie uns in den Ermittelungen eines der Kommissionsmitglieder, des Geschichtsschreibers Tadeus Tschatzky, vorliegen, der die jüdische Frage speziell studierte: Laut den offiziellen Angaben zählte die jüdische Bevölkerimg in Polen und Litauen gegen das Jahr 1788 ungefähr G17 000 Menschen. Auf Grund einer ganzen Reihe von Berichtigungen weist Tschatzky mit Recht darauf hin, daß die wirkliche Zahl der Juden, die aus Erwägungen fiskalischer Natur der offiziellen Revision entzogen wurde, wenigstens die Ziller 900 000 erreichte. Dies fällt beinahe mit dem glaubwürdigen Hinweis Butrimowitz', des Mitgliedes der „jüdischen Kommission" des „Vierjährigen Seims", daß die Juden in Polen ein Achtel der gesamten Bevölkerung (8 790 000) ausmachen. Infolge der zu jener Zeit stark eingebürgerten Gewohnheit, frühzeitige Ehen zu schließen, vermehrte sich die beinahe eine Million zählende jüdische Bevölkerung sehr rasch. Aber eben diese Gewohnheit war es, die die gesteigerte Sterblichkeit der jüdischen Kinder und die zunehmende Kränklichkeit der jungen Generation im Gefolge hatte. Die Schulbildung der Kinder beschränkte sich auf. das Studium des religiösen Schrifttums, insbesondere des Talmuds. Der Handel lag inden Händen der Juden in folgenden Proportionen: drei Viertel der 'Gesamtausfuhr und nur ein Zehntel der Einfuhr. Für seinen Lebensunterhalt verwendete der jüdische Kaufmann die Hälfte davon, was der christliche Kaufmann verbrauchte, und daher war auch der jüdische Handelsmann in der Lage, seine Waren zu mäßigeren Preisen abzusetzen. Sieht man von Groß-Polen ab, so bestand in den Provinzen die Hälfte aller Handwerker aus Juden, Unter den Handwerkern tiberwogen Schuh-

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