Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Die Juden der pyrenäischen Halbinsel bis zur Katastrophe des Jahrs 1391
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 86 (sequence 7)
- Language
- German
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86 Wie die jüdischen Gelehrten nicht ausschließlich mit dem Talmud sich beschäftigten, ebensowenig hatten es die jüdischen Staatsmänner nur mit Geldsachen zu tun. Dem Finanzwesen mußten sie freilich wohl ein reges Interesse zuwenden. Stand es doch im Mittelpunkt der gcpamten Staatsverwaltung. Vermutlich gelangten schon im elften Jahrhundert des öfteren Juden in die Stellen von Steuer- und Zolleinnehmern. Wenn solche später vorzugsweise von ihnen bekleidet wurden, so dürfte es sich auch bereits bei den Staatsämtern, zu denen sie Joseph ibn-Nagrela in auffälliger Weise heranzog, darum handeln. Für die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden Spaniens mangelt es aus dem Zeitalter, in dem ihre Geisteskultnr sich glänzend entfaltete und ein Philosoph wie Ibn-Gebirol unter ihnen auftrat, fast gänzlich an zugänglichen Quellen, wenigstens für die dem. Islam untertänigen Landesteile. Vielleicht hat sich dort gelegentlich eine räumliche Absonderung von der übrigen Bevölkerung herausgebildet; die Stadt Lueena bei Cordova war ausschließlich von Juden bewohnt. Nach einem arabischen Geographen, Edrisi, dessen Bericht allerdings jüngerer Zeit angehört, war sie mit guten Mauern und einem tiefen Wassergraben versehen. In die eigentliche Stadt ließen die Juden keinen Mohammedaner eindringen. Diese hatten vielmehr in einer unbefestigten Vorstadt ihren Sitz, wo eine große Moschee sich befand, und nur wenige Juden verweilten. Entfernt vom Meere und einem schiffbaren Flusse, lag-Lucelia für den Handel keineswegs günstig. Es ist anzunehmen, daß die jüdischen Bewohner, wie anderwärts Moslimen oder Christen, „Landbau in der Umgegend trieben und ihren Reichtum, der gerühmt wird, etwa außer den Erträgnissen des Bodens allenfalls noch der Beteiligung an den Geschäften auswärtiger Kauflcute verdankten". Besser für den Verkehr geeignet war die Lage, von Tarragona, das Edrisi gleichfalls als ein jüdische Stadt bezeichnet, in der nur wenige Christen lebten. fg^G5 m Vorabend der (lurch die Revolution des Jahres 1789 hervorgerufenen Kriso im Leben der westeuropäischen Juden befand S'©6$x2 sich das große jüdische Zentrum in Polen in einem Zustande politischer und gesellschaftlicher Auflösung. Es war dies der Moment zwischen der ersten Teilung Polens (1772) und der zweiten (1793). An dem ungesunden Organismus der polnischen Republik wurde die erste Vivisektion vorgenommen: Rußland hat für sich eine Seite — Weißrußland, Österreich — Galizien, Preußen — Pommern und einen Teil Polen nach der ersten Teilung *) Von S. M. D u b n.o w , St. Petersburg *) Aus dem V. Band der „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes", dessen deutsche Übersetzimg im Jüdischen Verlag, Berlin, vorbereitet wird. I). Hed.