Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 3-4 (10.11.1917)
- Article
- Die Juden der pyrenäischen Halbinsel bis zur Katastrophe des Jahrs 1391
- Date
- 1917-11-10
- Page
- Seite 81 (sequence 2)
- Language
- German
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61 die Dauer nicht angängig sei, die Juden nach Wortlaut und Sinn der kanonischen Vorschriften zu behandeln, ihre Vertreibung herbeigeführt hat, zog in Deutschland das Volk selbst gleichsam instinktiv durch rohe Gewalttaten die Folgerung, zu der sich die Regierenden nicht entschließen mochten. Daß nun aber für all die Unzuträglichkeiten, die in christlichen Ländern so erschreckend zutage traten, weder angeborene Rasseneigenschaften der Juden, noch vollends die Lehren der mosaischen Religion verantwortlich zu machen sind, zeigen gleichsam wie eine Probe auf das Exempel die Zustände in dem Teil des Okzidents, der Jahrhunderte lang unter der Herrschaft des Islam stand. Nicht als ob etwa für Juden auf der pyrenäischen Halbinsel mit der mohammedanischen Eroberung schlechthin ein goldenes Zeitalter angebrochen wäre. Wie sich für sie der Übergang aus dem unduldsamen, westgotischen Priesterstaat in die neuen Verhältnisse gestaltete, ist überhaupt nicht des näheren ersichtlich. Als wahrscheinlich muß angenommen werden, daß sie, sobald sich die Gelegenheit bot, wieder offen mit ihrer Religionsübung hervortraten, und keineswegs gering kann die Zahl derer gewesen sein, die demnach vom Christentum abfielen; berichten doch arabische Quellen, daß die vordringenden Eroberer mit der Bewachung eingenommener Städte eben die Juden betrauten, die sich ihnen angeschlossen hatten. Afrikanische Juden oder jüdische Berbern, die zum Islam übergetreten waren, von Kaula al Yehudi befehligt, sollen an der Entscheidungsschlacht teilgenommen haben, und wenn ihr Führer wenige Jahre später bei einem Aufstände erlag, so hatte das verfehlte Beginnen wohl ebensowenig nachhaltige Rückwirkungen, wie das Auftreten eines angeblichen Messias, dessen Anhänger ihre im Stich gelassenen Güter einbüßten. Kopfsteuer freilich und Grundsteuer mußten jedenfalls die Juden gleich wie die Christen den neuen Herren entrichten. In Kapitulationsverträgen von Städten wird ihrer nicht besonders gedacht, und noch vor Ablauf des Jahrhunderts soll ein mohamedanischer Herrscher seine andersgläubigen Untertanen so arg durch Abgaben bedrückt habe?:, daß sio ihre Sklaven und selbst die eigenen Kinder verkaufen mußten. Ob indessen auf Wahrheit beruhte, was in Frankreich erzählt wurde, darf bezweifelt werden. Später erscheint gerade Spanien gewissermaßen als das gelobte Land der Juden. Dorthin führten sie den Alamanen Bodo, der bei der Beschneidung den Namen Eleazar angenommen hatte. Sein Einzug in Saragossa, der gegen Mitte August 839 erfolgte, muß Aufsehen erregt haben; der westfränkische Reichsannalist gibt Kunde von dem Ereignis, und er weiß auch mitzuteilen, daß später der Proselyt den Khaiifen und das Volk gegen die Christen aufzureizen suchte. Von dem unmittelbaren Zuhammenhang mit der Welt des Islam ist die Pyrenäenhalbinsel bereits wenige Jahrzehnte nach der Eroberung losgerissen worden. Hier im äußerston Westen hatte ein dem Untergang seines Hauses entronnener Sprößling der Ommajaden ein eigenes Khalifat errichtet, das gegenüber den Abbasiden von Bagdad seino Unabhängigkeit zu behaupten wußte. Den inneren Kriegen, die unter den