Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 2 (25.10.1917)
- Article
- In eigener Sache
- Date
- 1917-10-25
- Page
- Seite 45 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908717-2910292--1201-2910327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
45 Herrn Dr. jur. Emil Ernst Schweitzer glaube ich psychologisch durchaus zu «verstehen: was aber die Schriftleitung eines so inständigen Blattes, wie „Das Freie Wort" dazu veranlaßt haben mag, als Sancho Pansa dieses Windmühlenrittere zu agieren, entzieht sich gänzlich meinem Verständnis. Streiflichter über jüdische Religion und Wissensch&Ü 19. Zu Martin Luthers Gedächtnis icht als Deutscher will ich in diesen Blättern über Luther 2jre^§j£ schreiben, auch nicht als Mitarbeiter an dem Werk und der 31Cߣ^Ö Aufgabe der deutschen Philosophie, sondern lediglich als deutscher Jude, der, als Bekenner des Judentums, sich der Pietät bewußt ist, die ihn auch für seine Religion, nicht nur für seine Kultur, mit dem Deutschtum verknüpft. Zu den gewaltigsten Schöpfern des Deutschtums gehört Luther, der die providentielle Richtung des deutschen Geistes in diejenigen Bahnen gelenkt hat, welche die späteren deutschen Klassiker zum Ziele des deutschen Humanismus geführt haben. Wir deutschen Juden müssen es mit dankbarer Genugtuung erkennen, daß dieser deutsche Geistesheld als religiöser Genius, als deutscher Dichter und als Stilist, der er im größten Stile war, an unserer Bibel, an der Übersetzung der Propheten und der Psalmen zu seiner Höhe emporgewachsen ist. Und nicht aliein darüber dürfen wir uns freuen, daß diese große, in gewissem Sinne darf man sagen, schier unübertreffliche Übersetzungsarbeit unserem alten Schrifttum ebenso zugute gekommen ist, wie ihm verdankt wird, sondern wir haben ihm auch eine ewige Dankbarkeit zu widmen für die hohe Vollendung, in der er, der urwüchsige Sprachschöpfer und der volkskräftige Naturdichter, die Bibel dem deutschen Volke zugänglich gemacht, erschlossen, ihm innerlich zu eigen gemacht und eingewurzelt hat. Nach der katholischen Tradition gehörte die Bibel nur den Klerikern: Luther hat sie für das ganze Volk freigemacht. Er hat dadurch die ursprüngliche Bestimmung der Bibel, welche das Judentum in seiner ganzen Geschichte treulich gepflegt hat, in der Christenheit zur Erfüllung gebracht. Die Bibel wurde der Hausschatz des gemeinen Mannes in Deutschland, der nicht nur seine Frömmigkeit dadurch selbsttätig sich lebendig machen konnte, sondern dessen geistige, insbesondere auch dichterische Urkraft darin eine unerschöpfliche frisch sprudelnde Quelle erhielt Von Deutschland aus ergoß sich diese Neubelebung aller nationalen Volkskräfte mit einer erstaunlichen Schnelligkeit über alle Lande, da die kaum erfundene Buchdruckerkunst nunmehr ein großes Feld für ihre Ausübung fand. Von Jahr zu Jahr wuchs die Anzahl der Übersetzungen in fremde Sprachen, besonders der Psalmen, mit immer neuen Auflagen. Von Hermann Cohen