Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 2 (25.10.1917)
- Article
- Zur Lage der Juden in Oberost
- Date
- 1917-10-25
- Page
- Seite 36 (sequence 3)
- Language
- German
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36 andere denn Grabesstimmung, und ein Spaziergang durch die Hauptstraßen der Stadt an den herrlichen Tagen und Abenden der letzten Wochen läßt das gerade Gegenteil erkennen. Kein Einsichtiger wird leugnen wollen, daß Not und Elend, Hunger md Teuerung aui einen großen Teil der Bevölkerung des besetzten Gebietes schwer lasten, er wird sogar keinen Anstand nehmen, zuzugestehen, daß Mißgriffe untergeordneter Organe in der Behandlung der Einwohner «vorkommen können, die sicherlich nicht im Sinne deutscher Behörden liegen. Wogegen er sich jedoch mit aller Entschiedenheit zur Wehr setzen wird, das ist die jeder Begründung entbehrende und unwahre Anklage, als seien alle unschönen Erscheinungen die Früchte des ausgeklügelten Systems einer judenfeindlichen Verwaltung. Die Folgen des Krieges treffen alle mit gleicher Härte und der Kenner der Verhältnisse wird sich stets «erinnern, daß Armut und Hunger unter russischer Herrschaft in seligen Friedenszeiten ebenfalls geherrscht haben, gewiß nicht erträglicher durch die unentgeltliche Zugabe der russischen Knute, die seit über 2 Jahren verschwunden ist. Die Grundsätze der Judenpolitik der Verwaltung Oborost sind in Deutschland bekannt und von dort aus ins neutrale und feindliche Ausland gedrungen. Sie anerkennen dem jüdischen Stamm vollste Gleichberechtigung neben den anderen im besetzten Gebiet vertretenen Völkerschaften und kennen keinerlei Ausnahmegesetze. Die schon eingangs erwähnte Errichtung des jüdischen Referats verbürgt der großen Anzahl Juden des Gebietes des Oberbefehlshabers Ost eine ständige Berücksichtigung ihrer berechtigten Sonderinteressen. Sollten die Juden in feindlichen Ländern wahrhaft das Bedürfnis empfinden, sich ihrer bedrängten Glaubensgenossen anzunehmen, dann möchte man sie zunächst einmal auf das furchtbare Schicksal der jüdischen Flüchtlinge aus Rumänien aufmerksam machen. In der „Neuen Züricher Zeitung" vom 24. 8. 1917, also an einer durchaus unverdächtigen Stelle, findet sich unter der Überschrift „Jüdische rumänische Flüchtlinge in Rußland" ein herzzerreißender Wehschrei, in dem die Leiden von 150 000 Juden, die aus den rumänischen Städten evakuiert und unter den furchtbarsten Begleitumständen nach Rußland abtransportiert wurden, geschildert werden. Auf russischem Boden angelangt, wurde ihnen von den Behörden des vorrevolutionären Rußland jede Unterstützung verweigert. Nach Odessa wurden sie überhaupt nicht hinemgolassen, sie mußten vielmehr auf einer sumpfigen Ebene vor der Stadt lagern und erhielten als Nahrung trockenes Brot und schlechtes Eohgemüse. Viele wurden nach Asoff, andere nach Rostow geschickt, r/iederum andere nach Omsk und Tobolsk verpflanzt. Die Zahl der Kranken und Toten unter diesen Unglücklichen war aus den angeführte Ursachen eine sehr große. Auch nach der russischen Revolution haben sich die Leiden der rumänischen Juden eher vergrößert als vermindert; alle jüdischen Zeitungen sind voll von herzzerreißenden Berichten; wir erinnern hier nur an den Justizmord von Dr. Wechsler!