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Neue jüdische Monatshefte · 1917-10-25 · Heft 2 (25.10.1917) · p. Seite 35

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 2 (25.10.1917)
Article
Zur Lage der Juden in Oberost
Date
1917-10-25
Page
Seite 35 (sequence 2)
Language
German
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35 vertretene Judenpolitik. Die damit verfolgten Absichten liegen klar zutage. Die Errichtung eines besonderen jüdischen Referats und das damit zum Ausdruck gelangte Bestreben, Sonderwünschen, soweit sie berechtigt sind, in möglichst weitem Umfange gerecht zu werden, mußte denen die Kreise stören, die für ihre dunklen Zwecke einen grausamen, Recht und Sitten mit Füßen tretenden Gegner brauchen. Liefert er ihrem Bedarf an Schauerriachrichten keine tatsächlichen Unterlagen, dann sehen sie sich entweder genötigt, die Schuld an unliebsamen Begleiterscheinungen des Krieges, die — unabhängig von Konfession und Nationalität — jedermann mit gleicher Härte treffen, der „böswilligen" besetzenden Macht in die Schuhe zu schieben, oder aber sie sind auf das Spiel ihrer eigenen Phantasie angewiesen. Wie armselig, ja geradezu ungeschickt diese „arbeitet14, das erhellt mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit aus einem „Die Lage in Bialystok" überschriebenen Artikel, der sich in Kr. 33 der in Florenz erscheinenden politischen jüdischen Wochenschrift „Israel44 findet. Danach ist in Moskau, ein Brief eingetroffen, der von einer jungen Dame, die sich auf der Reise nach Amerika befand, im doppelten Boden einer Milchbüchse mitgeführt worden war, und in dem sie ein Bild von den in Bialystok herrschenden Zuständen entwirft. Zunächst ist es ein Versuch am untauglichen Objekt, ausgerechnet eine nach Amerika reisende Dame,' also ein lebendiges Zeugnis deutscher Weitherzigkeit, die es Landeseinwohnern ermöglicht, während des Krieges ihre Angehörigen in den Vereinigten Staaten zu erreichen, zum Kronzeugen barbarischer Verwaltungsmethoden aufzurufen. Doch ganz abgesehen von dieser — sagen wir einmal — journalistischen Ungeschicklichkeit: man greift sich nach der Lektüre des belastenden Schriftstückes an den Kopf und fragt sich, ob wohl der doppelte Boden einer Milchbüchse notwendig war, um die fürchterlichen „Enthüllungen'4 der jungen Dame jedem unberufenen Auge zu verbergen. Soweit der Inhalt des Briefes die tatsächlichen Verhältnisse wiedergibt, von erheblicher Teuerung, ungewöhnlicher Armut und dergleichen berichtet, ist er keineswegs originell. Gleiches ist in jeder Zeitung zu lesen und gilt wohl für größere und mittlere Städte aller kriegführenden Länder, geschweige für die Städte der besetzten Gebiete. Unverständlich und das Geheimnis der Verfasserin bleibt es, wie aus diesen bedauerlichen, aber selbstverständlichen Begleiterscheinungen des Krieges der besetzenden Macht ein Strick gedreht werden kann. Wenn dann weiter geschildert wird, daß die Mehrheit der gebildeten Personen auf der Straße zwangsweise arbeitet, Hunger und Kälte leidet, die Grabesstimmung verbreitet usw., so kann man diesen Ergüssen einer ausschweifenden Phantasie den Vorwurf nicht ersparen, es mit der Wahrheit sehr wenig ernst genommen zu haben. War die betreffende Dame wirklich in Bialystok, dann dürfte es ihr nicht entgangen sein, daß bis zum heutigen Tage zwei Theater, ein deutsches und ein jüdisches, allabendlich vor ausverkauftem Hause spielen, von den stets gefüllten Lichtspieltheatern und ähnliehen Unternehmen ganz zu sclvweigen. Die große Menge Bialystoker Einwohner, die den häufig stattfindenden Militärkonzerten lauscht, verbreitet alles

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