Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Über die Prophetie [Rezension]
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908716-2910240--1143-2910260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 eines der sichersten Ergebnisse der kritischen. Forschung, daß dem Propheten Jesaja, der ein Zeitgenosse des Königs Hiskia von Juda am Ausgang des 8, Jahrhunderts war, nur der erste Teil des Buches bis Kap. 39 (mit Ausnahrae etlicher späterer Einschaltungen) zuzuschreiben ist; daß dagegen von Kap. 40—55 ein unbekannter, während des Exils lebender Prophet spricht, den man sich gewöhnt hat als „Deuterojesaja" zu bezeichnen, und im letzten Teil des Buches ein noch jüngerer, „Tritojesaja" genannter. Man würde also hier zu ganz falschen Schlüssen kommen, wenn man etwa die W.eissagungcn über Kyros, die von seinem Zeitgenossen Deuterojesaja stammen, dem 200 Jahre älteren Jesaja . in den Mund legen würde, Ähnlich ist auch für die übrigen Proplietenbücher erst jetzt durch philologische Forschung der Grund gelegt, auf dem fußend man zu den allgemeinen Fragen vordringen kann. Doch diese vorbereitende Forschimg ist Gelehrtenarbeit. Was dagegen jeden kulturgeschichtlich und religiös Interessierten im tiefsten berührt, das sind eben die allgemeinen Fragen und Rätsel dieser merkwürdigen Erscheinung, die innerhalb des jüdischen Volkes und auf dem Boden Palästinas erstanden, eine ungeheure Wirkung auf die Kultur aller Zeiten und Völker ausgeübt hat. Der Jude zumal muß sich darüber klar sein, daß im Prophetentuni das wichtigste und echteste Denkmal des jüdischen Geistes gegeben ist. Die Fragen nun, die sich hier aufdrängen, sind vor allem folgende: 1. Was ist das Wesen der prophetischen Inspiration? Wie kann der Prophet dazu kommen, sich als Verkünder des göttlichen Willens und Wortes auszugeben? 2. Was ist Inhalt und Ziel der Prophetie? 3. Wie kommt die eigentümliche Form der Prophetie zustande? 4. Ist der Prophet imstande, eine Vorhersage der Zukunft zu geben? 5. Wie weit ist die Prophetie von der Zeit-' g e s c h i c h t e bedingt, und wie weit hat sie selbst führend die Zeitgeschichte beeinflußt? — Nicht alle diese Fragen sind bis jetzt schon beantwortet, und es ist fraglich, ob sie sich überhaupt heute schon alle befriedigend beantworten lassen. Aber es liegen aus den letzten Jahren immerhin einige ernsthafte Versuche vor, zu diesem inneren Verständnis der Prophetie zu gelangen; und von solchen Versuchen soll im folgenden die Rede sein. In einem umfangreichen Werke hat Gustav Hölscher („Die Propheten", 1913, Verlag C. Hinrichs, Leipzig, VIII u. 486 S.) es unternommen, in den Kern des Problems einzudringen. Er begnügt sich nicht damit, eine Darstellung der Persönlichkeit und der Bücher der Propheten zu geben; diesem Stoff ist nur der zweite Teil des Werkes gewidmet (S. 189—458). Im ganzen ersten Teil (S. 1—188), der uns hier besonders beschäftigt, behandelt er die psychologischen und geschichtlichen Voraussetzungen des Prophetentums. Dabei holt er weit aus; Der erste Abschnitt, „Ekstase und Vision1', liest sich wie eine Abhandlung aus der medizinischen Psychologie und Psychopathie, und er kann wohl am besten dadurch gekennzeichnet werden, daß wir die Kapiteltiberschriften hierher setzen: Über Gemütsbewegungen. Der