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Neue jüdische Monatshefte · 1917-09-10 · Heft 23-24 (10.9.1917) · p. Seite 706

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 23-24 (10.9.1917)
Article
[Rezension]
Date
1917-09-10
Page
Seite 706 (sequence 2)
Language
German
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706 immer und immer wieder einen Juden zum Verräter machen, soweit, daß er die Verstümmelung der Leiche, das Ablassen des Blutes usw. in der verlogensten Weise schildert. Indes der gewandte Staatsanwalt deckt den Betrug auf und weist hierdurch die Anklage auf Ritualmord in das Reich der Fabel zurück. Der Verleumder wird wieder zum Juden und beendet sein Leben selbst. Parallel zu dieser Entwicklung geht die symbolische Handlung, dio in ihrem Aufbau, oft auch im Wortklang, stark an Goethes Faust erinnert. Es ist der Kampf zwischen Gott und Teufel, Gut und Böse, Tag und Nacht, Sonne und Finsternis, Elohim und Semael — jede Religion hat diesen Kampf in ihro Gefühlswelt aufgenommen und zum Lebensprinzip erhoben. In diesem übertragenen Sinne .müssen wir auch dieso hineingeflochtenen Szenen auffassen, die uns aber auch die Erklärung zu den Handlungen geben, die wir oben als Mängel der Dichtung bezeichnet haben. In ihr spüren wir erst das Jüdische des Dramas. In diesen Worten fühlen wir erst die Größe und Stärke des Judentums, doch wir zittern auch mit in seiner Erniedrigung und in seiner ohnmächtigen Schwäche. Wir erleben das Elend der Knechtschaft, die Peinigung des Exils, aber wir erbeben auch unter dem Bewußtsein des inneren Reichtums der Religion, dem Machtgefühl der Rasse und des Uradels. Gott und Teufel stehen gegeneinander, denn der Mensch ist nicht nur das Geschöpf Gottes, sondern auch Semael hat seinen Anteil daran und er will der Menschheit Tod und Elend, Grauen und Entsetzen bringen, doch er tut es nicht um des Bösen willen, sondern er „will den letzten Tod auf die Erde bringen und das Geschlecht des Lebens auslöschen. Dann wird die süße Ruhe des Endes über der Erde hängen, Nichtsein wird sie einhüllen und das Leid wird endlich, endlich schweigen.14 Gott will anders; nicht soll sein Widersacher, dieser Empörer gegen seinen Willen, zum Messias werden. Durch Semael darf die Welt nicht reif zur Erkenntnis werden und deshalb muß" Gott die Menschen in Versuchung bringen. - So verfolgt der Teufel das auscrwähltc Volk Gottes, so sucht er es durch Unzucht und durch Völlerei, durch Neid, Geiz und Habgier, durch Heucheloi und Selbstüberhebung zu Falle zu bringen. Doch nur die Dummheit kann es wirklich in Gefahr und in dio Nähe des Unterganges bringen. So wird die Symbolik zur wuchtigen Anklage unseres heutigen Judentums. Nicht der Abfall vom Gottcsglauben, nicht die Degeneration unserer edelsten Familien, nicht das Wohlleben des Reichtums macht dio Juden zu Renegaten, sondern allein die Dummheit macht um einer schnöden blinden Aussicht auf Ruhm willen einen Juden zum getauften Juden, oder wie er sich nun nennen darf: zum Christen. Was hat den jungen Judenjungen zum Verrat an seinem Vater, an seinen Freunden, an seinen Lehrern getrieben: „Hary: Du darfst sogar studieren, auf dio Hochschule gehen, Richter werden wie ich. — Moritz: Auch Soldat? — Bary: Natürlich, du wirst Leutnant werden oder Hauptmann; ich verspreche dir das." So trägt auch sein Symbol — der Typus des Renegatentums — neben dem Geldbeutel den gelben Fleck des mittelalterlichen Judentums, und den wird er nio loswerden. Ja, dicsoT gelbe Fleck, der für die Verneiner des Judentums ein Schandfleck ist, er soll für die andern ein Ehrenzeichen werden, er sollte uns ein Symbol sein für das, was wir geworden, ein Zeichen dafür, daß wir stolz sind auf unser© Abstammung. Paul Marx, Karlsruhe. Verantwort Ich für dio Schriftleitung: Martin Goetz, Berlin -Charlottenburg. Verlng der Neuen Jadischen Monatshefte, Berlin-München. Martin Goetz. Nachdruck der Beitrüge den rageszeltungcn mit genauer Quellenangabe gestattet. Gedruckt bei Julius Sittcnfeld, Holbuchdrucker., Berlin W.

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