Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 705 (sequence 1)
- Language
- German
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ED [03000000 Literaturblaü Arnold Zwel#: „Ritualmord in Ungarn". Jüdische Tragödie in fünf Aufzügen. Hyperionverlag, Berlin 1015. Preis 2,00 Mark. Wie ein Peitschenhieb auf den Rücken eines ohnmächtigen Knechtes sich in das warme Fleisch hineinkrallt, geradeso muß das Wort „Ritualmord" sieh in das Gehirn eines, Juden verzehrend einbrennen. Machtlos stehen wir einer Gedankenverbindung gegenüber, daß die Juden für den Gottesdienst, für ihre Religion Menschen töten. Gleich wehrlosen, verkäuflichen Sklaven mußten sieh die Juden aber abschlachten lassen, wenn auf diesem Worte aufbauend nicht einem Einzelnen, nein der ganzen Judenschaft Taten zur Last gelegt wurden, von denen man hätte glauben müssen, daß sie der Wahnsinn eines Verbrechens erdacht habe. Für diese Gedankenwelt hat Arnold Zweig, den wir bisher hauptsächlich seiner feinsinnigen ästhetischen Novellen um Claudia wegen beachtet haben, eine dramatische Gestaltung zu finden gesucht. Indes, er gibt uns keinen matten Abklatsch ereignisvoller Prodrome, nicht eine dramatisierte Geschichte, denn sonst wäre ja jedes nervenprickelnde Verbrechen, jede kitschige Gerichtsverhandlung einewirkungsvolle Grundlage für ein Drama. Zweig hebt die Ereignisse über das Irdische hinaus, kann es aber nicht vermeiden, aus dem historischen Drama eine tendenziöse Dichtung zu machen. Jedoch wir sind noch nicht berechtigt, ein Urteil darüber zu fällen, inwieweit ein Dichter Gedankenreihen, in denen eigentlich doch jedes Wort ein lebendiges Gefühlserlebnis darstellen soll, zu einem Tendenzdram n, umgestalten darf. Dieser Begriff ist viel zu neu und so wird darüber erst das entscheidende Urteil die Zeit fällen, die dem persönlichen Miterleben so fern steht, daß sie objektiv ein bejahendes oder verneinendes Urteil fällen kann. Schon die Überschrift zeigt deutlich die Richtung des Dramas und erhebt es durch die Bezeichnung als jüdische Tragödie über das rein Subjektivo einzelner Persönlichkeiten. 705 00000000 Wir vermissen deshalb auch bei der seelischen Darstellung der einzelnen Figuren, daß sie bildmäßig oder fortschreitend entwickelt werden. Wenn uns manche Personen durch einen mitleidlosen Abgang unverständlich erscheinen, wenn die Handlung in ihrer Sprunghafügkeit das Sicheingclebthaben in das Milieu voraussetzt, so dürfen wir diese äußeren Mangel nicht als Fehlgriffe des Dichters betrachten, sondern müssen vielmehr dio Lösung in der uns noch ungewohnten Art der Darstellung historischen Geschehens suchen. Für uns war nämlich bisher ein historisches Drama nur Geschichtsunterricht in Dialogform (selbst ein Künstler wio Frank Wedekind konnte in seinem „Bismark." nicht darüber hinauskommen) oder ein Mischmasch von Dichtung und Wahrheit, angefüllt mit Anachronismen, Unwahrscheinlichkeiten, Theaterphrasen, ganz nach dem Beispiel der Idassischen Dramen. Neues hat Zweig hior x insofern geschaffen, indem er eine naturalistische und eine symbolischo Handlung einander gleichsetzte. Wenn nun auch dio Ereigriisso äußerlich ganz voneinander unabhängig erscheinen, so bauen sio sich doch innerlich auf denselben Grundsätzen auf, ja greifen so ineinander, daß das eine Geschehen aus dem anderen Erleben sich erklärt. Das historische Ereignis und infolgedessen auch der Inhalt des Dramas ist denkbar einfach. Ein junges Mädchen wird von einem reichen Gutsherrn vergewaltigt und, als es sich zur Wehr setzt, auch erdrosselt und in einen Bach geworfen. .Indes der Verdacht fällt, nicht auf den Mörder, sondern eine weissagende Zigeunerin weist den Weg „Habet Jude Deine Tochter geschlachtet im Osten". Wio ein Funken in trockenes Heu, so greift dieses Wort um sich, und so sind sofort Zeugen vorhanden, die gehört, ja sogar gesehen haben wollen, daß die Juden Blut zur Bereitung des Osterbrotes verwenden. Den Sohn des Synagogendieners bringt der voreilige nommeno U n t ersuch u ngs ri eh t< sr durch Schlagen und Hungern, durch Drohen und endlich durch Versprechen von Dingen, dio auch jetzt