Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1917)
- Article
- Am fremden Strom
- Date
- 1917-09-10
- Page
- Seite 696 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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696 Seine weißen Haare zittern auf dem roten Schnupftuch, das Reb Anschel sich um den Hals gebunden hat, und der dünne lange Bart bewegt sieh auf seiner Brust und scheint den Wind zu bitten, daß er ihn nicht wegblase. Reb Anschel geht bedächtig, weniger seines Alters als der Sabbatruhe wegen; er hat seinen greisen Kopf auf die Seite geneigt und hört zu, was ihm der Enkel erzählt. Der Enkel Jidele, ein schlanker junger Mann, trägt einen sabbatlichen Gehrock, gewichste Stiefel und einen gestärkten Hemdkragen, wie ihn nur die wohlhabenden Bürger haben. Der junge Mann gibt sich Mühe, seine vorwärtsstürmenden Schritte der ruhigen Gangart seines Großvaters anzupassen. Der ruhige Ton und die langsamen Handbewegungen verleihen seiner Erzählung Nachdruck und Ernst. Ab und zu nickt ihnen ein Vorübergehender zu, wünscht „Gut Schabbes" und unterbricht so die Erzählung. So gehen sie die Straße zu Ende und kommen zum Fluß, der -am Städtchen vorbeifließt. Ein weiter a isgetretener Platz fällt zum Wasser hinab; Balken, Mehlsäcke und Petroleumfässer liegen auf ihm umher. Ein Wagen ohne Pferde steht dicht am Wasser; unten, auf dem Wasser, liegt ein großer Kahn, und vom Kahn führt ein Steg zum Wagen: dies zeigt, daß die Arbeit gestern abend durch den Sabbatbeginn unterbrochen wurde. Juden gehen nach dem Essen auf dem Ufer gemächlich auf und ab und betrachten das Wasser mit den Blicken ruhiger wohlhabender Bürger, Auf einem Kahn stehen Bauern und schöpfen vom Fflußgrunde Sand. Sabbatlich gekleidete Frauen mit goldenen Ohrringen gehen vorbei; eine von ihnen erzählt etwas mit weinerlicher Stimme; aus der Ferne hört es sich wie das Weinen der Braut vor der Trauung an. Hart am Wasser balgen sich Chederjungen, sie schlagen einander die Mützen vom Kopfe und werfen sie ins Wasser. Reb Anschel und sein Enkel setzen sich auf einen Balken am Ufer. Ringsum herrscht die Ruhe des Sabbats. Das Wasser fühlt sich so sicher zwischen seinen beiden Ufern, es wiegt sich gemächlich und kitzelt den grasbewachsenen Strand. Still ist es auf dem Wasser; die Kähne und Boote rühren sich nicht vom Fleck, und das .Wasser wiegt sich langsam und träge. Eine Welle folgt lautlos der andern, als ob sie wüßten, daß man am Sabbat keinen Lärm machen darf, und der ganze Strom gleicht einem bedächtigen sabbatlichen jüdischen Bürger. Nachdem er die ganze Woche gearbeitet hat, erlaubt er sich am Sabbat nach dem Essen etwas zu scherzen, er kitzelt das Ufer und hält dann dem Sabbat zu Ehren sein Mittagsschläfchen ab . . . Und der junge Mann fährt in seiner Erzählung fort: „. . . Vor achtzehn/ Jahren war es, Großvater. Juden von verschiedenen Parteien, auch Ärzte und Anwälte, fuhren nach Erez Isroel, und unter ihnen war auch Reb Schmuel Mohilewer. Und als sie landeten, knieten sie nieder, drückten ihre Gesichter in den Staub und küßten