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Neue jüdische Monatshefte · 1917-07-25 · Heft 20 (25.7.1917) · p. Seite 598

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 20 (25.7.1917)
Article
Über Walter Rathenaus "Von kommenden Dingen" [Rezension]
Date
1917-07-25
Page
Seite 598 (sequence 2)
Language
German
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598 unpersönlichen Hingabe an den Menschheitsgedanken, wie schon lange beim preußischen Beamten oder Militär eine solche unpersönliche Hingabe an seinen Beruf, der doch durch die Zentralisation des Staates auch völlig unpersönlich ausgeübt wird, besteht. Diesem Vergleich kann man zweifelnd gegenüberstehen, obwohl die Richtung der Lösung zugegeben die einzig mögliche ist» Denn der preußische Beamte wird ja durch die Komplexe Gott, König, Vaterland, die in ihm Objekte sehr starker innerer Bindung sind, zu dieser Solidität der Berufsauffassung geführt, während die Menschen sehr viel weiter sein müßten, wenn statt dieser Komplexe das Moment der „Menschheit" die Aufgabe der sittlichen Berufsverfestigung übernehmen soll, so die individuel3e-persönliche Verbindung mit dem Werk ersetzend. Doch eine starke, neue Allgemeinreligiosität würde diese Arbeit schon leisten. Was mir Rathenau aber nicht einzubeziehen scheint, das ist der Teil des Mechanisierungsprozesses» welcher die schwersten seelischen Probleme stellt, nämlich die Maschinennrbeit. Das Unpersönliche des Lebens ist tatsächlich überwindbar; die Tatsache aber, daß die moderne Zweckh&ftigkcit unweigerlich eine Vereinseitigung, eine seelische Verkuppelung des Arbeiters durch die Maschinenbedienung {herbeiführt, daß Rentabilität der Erzeugung und menschlich-soelischcs Bedürfnis hier •unvereinbar ist, ist der heikelste Punkt des modernen Lebens, weil er dio Menschen selbst in ihrem persönlichsten Leben betrifft. Rathenau gibt die objektiv-kulturelle Lösung der heutigen Zeitfrago mit zwingender Übersicht und ausgezeichneter geistiger Haltung (die höchstens in dem Kapitel über die innere Politik etwas weniger „Nationalliberalität" mehr Willen zum Vonvonianfangen zeigen könnte). Die Schrift bedürfte vielleicht der Ergänzung durch eine Einstellung von den Menschen aus, die naturgemäß erst eine restlose persönliche Befriedigung für den Kulturmenschen, der unter all den vielen Unnahbarkeiten des heutigen Lebens - leidet, gäbe. Denn das persönliche Leben wird, auch wenn die , Mechanisierung überwunden ist, nicht glücklich werden innerhalb des Mechanisierungsmilieus der Masse. Wo bleibt die individuelle Handwerklichkeit, wie wir sie in vormechanisierben Zeiten hatten, naeh der wir uns doch heute für gewisse Teile unseres Lebens sehnen, auch wenn wir die Mechanisierung nicht entbehren wollen? Ist nicht des Menschen Seele immer auf Individualität gestellt, und kann er diesem Wollen, umgeben von Maschinen, gerecht werden? Und ist es überhaupt möglich, den Kapitalismus, den der Sozialist Rathenau doch überwinden will, auf dem Wege der induktiven Methode, das heißt im Milieu des Kapitalismus, im alten Leben selbst anfangend, zu überwinden? In dem alten Leben werden die Menschen ja jeden Augenblick von den schlechten Alten mitgezogen, und allzu viele Propheten, die gegen alle Verführung gefeit sind, haben wir leider nicht zur Verfügung. Das heutige Leben ist so völlig verfahren — und die herrlichen europäischen Verhältnisse der Gegenwart sind ja auch nur ein Produkt dieser Sinnlosigkeit—, daß nur ein Brechen in Ganzheit mit dem Alten uns nützen kann. Es ist also nur die äußere Form der Überwindung, die bei Rathenau noch nicht die Gewähr der Ganzheit in sich tiägt; - geistig will er sie wie wir. Darüber aber wird sich Rathenau klar sein, daß er aus seiner Generation sich eine tatkräftige Gefolgschaft nicht versprechen kann. Die große Masse der älteren Menschen in den Städten stehen heute nicht in Protest gegen die Unsinnigkeiten des Gewordenen. Nur in der Jugend blüht verborgen unter dem unnatürlichen Leben der Wille zur Erneuerung, der die objektiven Verhältnisse bis jetzt natürlich noch nicht ändern konnte. Alfred Lemm, Berlin. Verantwortlich tür die Schrlftloltung: Martin Goetz, Berlln-Charlottenburg. Verla*? der Neuen Jüdischen Monatshefte, Berlin-München. Martin Goetz. Nachdruck der Beiträge den InKeszcitunc-en mit genauer Quellenangabe gestattet. Gedruckt bei Julius Sittenleid, HofbuehdruclaT., Berlin W.

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