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Neue jüdische Monatshefte · 1917-07-25 · Heft 20 (25.7.1917) · p. Seite 597

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 20 (25.7.1917)
Article
Über Walter Rathenaus "Von kommenden Dingen" [Rezension]
Date
1917-07-25
Page
Seite 597 (sequence 1)
Language
German
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597 0000030030 Literahirblatt 00000000 Über Walter Rathenaus „ Von kommenden Dingen"1) Die Berechtigung, über dieses Buch gerade in einer jüdischen Zeitschrift etwas zu sagen, leitet sich nicht aus den Tatsachen her, daß es ein vorzügliches Buch ist, und daß ein Jude es geschrieben hat. Sondern daher, daß dieses Geisteswerk, wie kaum eines, deutlich die Polarität des jüdischen Wesens, wie sie sich in den beiden Zeitphänomenen Kapitalismus und Sozialismus äußert, aufzeigt: Rathenau, Vertreter, wenn auch in zweiter Generation, der kapitalistisch-zentralistischcn Epoche katexoehen, wird Bekenner zum, wenn auch gemäßigten, Sozialismus. Der Nichtjude kann aus diesem Zusammentreffen die zweifache Begabung und darum Aufgabe des heutigen Juden erkennen: So wie die Juden durch ihr Zweckmäßigkeitstalent in der Unternehmerepoche in Massen zu Kapitalisten werden mußten, so zwingt ihre Religiosität, das starke Schlagen ihrer warmen Seelen, sie dazu, den Kapitalismus abzubauen, die tätige Liebe unter Menschen zu predigen, Sozialisten zu werden.. Und da sie beides ihrem Temperament entsprechend mit Nachdruck sind, kompensiert sich . ihre Wirksamkeit auf das Zeitalter; diese Erkenntnis können „Deutsche Tageszeitung" u n d „Vorwärts" in ihr Redaktionsarchiv übernehmen. Es ist schon vieles in der Richtung (Jes Rathenauschen Buches gesagt' worden, der spezielle Wert seiner Schrift liegt aber in der Verbindung von wirtschaftlicher Fachlichkeit und ideellen Erkenntnissen. Dies ist ja, was wir brauchen: Menschen, welche die Intention, das gute Wollen u n d die . erdhafte Fähigkeit der Durchsetzung in der Wirklichkeit besitzen. Bei Rathenau, einem synthetischen Geiste, münden die Erkenntnisse einer Notwendigkeit in die feste Form einer Lösung, welche die Wirklichkeit einbezogen hat. Er stellt in die Mitte des bürgerlichen Lebens ') S, Fischers Verlag Berlin. 1917. den Staat als sittliche Macht und will ihm alle, den Privatpersonen zu einer individuellen Lebenshaltung nicht unbedingt notwendigen Geldmittel zufließen lassen; dann kann der Staat seine sittliche Aufgabe erfüllen. Wie auch Gustav Landauer verlangt Rathen au ein neues Gefühl des Menschen vom Eigentum, das Gefühl, daß es sich nicht um einen restlosen Besitz, sondern mehr um eine Verwaltung handelt. Der Mensch ist auch in seinem wirtschaftlichen Tun, weil es der Gesamtheit ungeheuer schaden oder nützen kann, der Allgemeinheit verantwortlich: es ist unsittlich, durch Geldvergeudung Werte des Nationalvermögens zu vernichten. Sehr einleuchtend fordert Rathenau daher die Regulierung der Produktion, die heute, kapitalistischem Nutzen dienend, eine Unmasse völlig nutzloser Dinge auf den Markt wirft, wodurch den wirklich nötigen Werten das Geld entzogen wird. Rathenau weist das sittlich Unberechtigte der Erblichkeit großer Vermögen nach und Will sie zum größten Teil an den Staat zurückfallen lassen. Da das erbliche Vermögen die Möglichkeit der „Bildung" bedingt, würde durch ein solches ständiges Schwanken der Vermögensbildungen eine Vermengung oberer und unterer Volksteile erfolgen, die „Klassen'4 würden einigermaßen aufgehoben werden. Die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge der Zeit, wie sie durch Mechanisierung und Zentralisierung gegeben sind, wurden wohl noch kaum so klar erkannt wie hier. Während die meisten der Zeitgenossen noch in den Verhältnissen stehen, übersieht sie Rathenau und kann infolgedessen Gegenmaßregeln gegen das Schlechte mit dem Blick auf das Ganze ergreifen. Als grundlegender Zug wird mit Recht die Entindividualisicrung gesellen, hervorgerufen durch das Anwachsen der Menschennuissen, die individuell nicht mehr bewältigt werden können. Rathenau sieht die Überwindung dieser Mechanisierung in einer neuen

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