Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Das Ende des Schulwerks der Alliance Israelite Universelle
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 596 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908710-2909997--0967-2910035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
596 zen bekämpfon mußte, außerhalb derselben kulturpolitisch auszunutzen. Es besteht sicherlich ein innerer Zusammenhang zwischen der Wirksamkeit der Kongregationen, deren „Maiso Laiques" überall im nahen Orient neben dem Christentum das Evangelium französischer Kultur a predigen und der Tätigkeit der Alliance, der erst sehr spät die jüdische Allgemeinheit den Vorwurf zu machen begann, daß sie ihre Schüler in erster Linie zu französischen Bürgern erziehe. Ein Vorwurf, der sachlich berechtigt war, der aber zum Teil auf diejenigen zurückfiel, die ihn erhoben, denn unter; ihren Augen und mit ihrer Förderung hatte das Pariser Zentralkomitee jahrzehntelang das orientalische Judentum nach den Idealen des höchstemanzipierten und assimilierten französischen Judentums erziehen lassen. Darin lag eine Zeitlang die Stärke des Alliancewerks, das Geheimnis der faszinierenden Wirkung, die es sowohl auf die ausübte, die subjektiven Anteil als Förderer an ihm nahmen, wie auf jene andern, die dankbar sich zu Objekten seiner Fürsorge machten. Vielleicht der jüdischste Zug, den die Sphäre der Allianceschule aufweist, ist die geradezu rührende und gleichzeitig imponierende Hingabe, mit der die Ailianceschüler jederzeit zu ihrer Schule standen und ihre Dankbarkeit mit allen Kräften zu betätigen suchten. — Aber gleichzeitig wurde diese Einstellung auf völlige Europäisierung und Französisierung zur Klippe, an der das Schulwerk der A. 1. U. scheitern mußte und auch heute gescheitert ist, welcher Art auch der äußere Anlaß zu seinem Bankerott gewesen sein mag. Der A. I. U. wurde der Todesstoß versetzt in dem Augenblick, in welchem irgendwo im Orient ein jüdisches Erziehungsprogramm zur Verwirklichung gelangte, das zwar die Vorzüge der modernen Methode und den gesamten Schatz pädagogischer Erfahrungen sich zunutze machte und ein Lehrziel aufstellte, das die Behauptung des Schülers im Lebenskampf der Jetztzeit gewährleistet, dies alles aber unterordnete der Aufgabe jüdischer Erzichung der Heranbildung zum jüdischen Menschen. Der Kampf, nicht gegen die Alliance, sondern gegen die unjüdische, ja bis zu einem gewissen Grade antijüdische Zielsetzung ihres Erziehungsideals begann daher mit der Gründung der ersten modernen hebräischen Schule in Palästina, mit dem Augenblick, wo Irgendwo im Orient der Gedanke zur Tat wurde, daß das in so starkem Maße national bedingte Leben der orientalischen Juden weder aus den Zusammenhängen mit der sie umgebenden orientalischen Welt gelöst werden dürfe, um westeuropäisch zu werden, noch ihre starken jüdischen Instinkte verwässert werden dürften durch dialektische Proselitenmacherei westjüdischer Assimilation. Bekanntlich war die A. I. U. gezwungen, dem jüdischen Erziehungsidcal immer weitergehende Konzessionen zu machen, — die allerdings stets nur „Konzessionen" blieben. Aber nachdem nicht nur die zionistischen Schulen, sondern auch die Institute des Hili'svereins ihr Programm ausschließlich von dem beeinflussen ließen, was für die Orientjuden selbst das Naturgemäße und Richtige zu sein schien und man dabei immer wieder wenigstens auf ein nationales Minimalprogramm kam, das als entscheidendes Element die Forderung der hebräischen Schulsprache enthielt, — mußte mit zwingender Notwendigkeit der Tag einmal kommen, an dem die A. I. U. zu wühlen haben würde zwischen der Aufgabe ihrer Prinzipien oder der Aufgabe ihrer Erziehungsmission. Daß dieser Tag gerade jetzt ge- . kommen ist, daß das Unvermeidliche mit der Plötzlichkeit einer Katastrophe eintraf, bleibt sehr zu bedauern. Wir hätten gewünscht, daß der A.I. U. der ehrenvolle Abschied von ihrem Werk (gegönnt worden wäre, den sie trotz allern verdient hat, besonders aber, daß sie dieses ihr Werk zu getreuen Händen jenen anderen Faktoren übergeben hätte, für deren Prinzipien die Zeit entschieden hat. Dann wäre es möglich gewesen, allmählich und ohne äußere Störung das Erbe der A. I. U. anzutreten. Jetzt werden wir es, wie so manches andere, unter den Kriegstrümmern suchen und neu aufbauen müssen. C. Z. Klötzel, im Felde.