Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Das Ende des Schulwerks der Alliance Israelite Universelle
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 595 (sequence 1)
- Language
- German
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595 GBSGiJGDflDOHElID Umschau 03 (10(1000 ©030 Das Ende des Sdmlwerks der Älliance IsraGUtc Universelle Nach Mitteilungen jüdischer Blätter hat die A. I. U. ihre in den französischen Kolonien befindlichen Schulen gänzlich den Händen der französischen Regierung überantwortet und so ihre schulpolitischo Mission endgültig aufgegeben. Damit hat d i e „Älliance", die früher einmal den Stolz und die Hoffnung der gesamten Judenheit bedeutete, aufgehört zu existieren. Denn wenn die A. I. U. mit der Zeit auch eine ganze Reihe von Zielen sich steckte und ihre Tätigkeit auf die verschiedensten Gebiete erstreckte, so war doch ihre ganze Entwicklung innerlich abhängig von dem Grundgedanken, in dem Cremicux und Montefiore sie schufen. Das aber war die Idee, daß das ganze Elend wenigstens des orientalischen Judentums begründet sei in seiner Unwissenheit, und daß die jüdische Schule nach europäischem Muster als grundlegendes Hilfsmittel in allererster Linie in Frage komme. Dieser Auffassung ist die A. T. U. in ihrer praktischen Arbeit bis in die allerletzte Zeit treu geblieben, — ein sicherer Beweis dafür, daß der plötzliche Entschluß, das gesamte Schulwerk aufzugeben, keiner prinzipiellen Erwägung, sondern äußerer ■'Nötigung entsprang. Die Statistik beweist, daß bis unmittelbar vor Ausbruch des Krieges das Alliance- Schulwerk in jeder Beziehung expansiven Charakter zeigte. Die A.I.U. besaß: 1870 1800 1910 19U 14 Schulen ' 54 „ 153 „ 183 2 11 42 48 Es laßt sich also gerade in den letzten fünf Jahren vor dem Kriege eine sehr bedeutende Steigerung sowohl der Zahl der Schüler, als besonders der Lehrkräfte feststellen, ein sicheres Zeichen dafür, daß die A.L U. unmittelbar vor dem Kriege in keiner Weise 1) Vgl. meinen Aufsatz: „Die A. L U. und ihre Arbeit im Orient". Heft 9 (1910) der „Deutschen Levante- Zeitung", Hamburg, Verlag der Deutschen Levante-Linie. daran gedacht haben kann, ihr Sehulwerk zu liquidieren, vielmehr eifrig an seinem inneren Ausbau arbeitete. Die Gründe, welche die A. I. U. zu ihrem immerhin unerwarteten Schritt bewogen haben mögen, können heute nicht mit Sicherheit festgestellt werden und es ist daher müßig, sie erraten zu wollen. Sie kommen bei der Bedeutsamkeit der Tatsache an sich auch wenig in Frage. Um so wichtiger ist es, sich die Folgen derselben klarzumachen. Da muß zunächst unumwunden festgestellt werden, daß das Aufhören des A. I. U.-Schulwerks für die orientalischen Juden einen empfindlichen Schlag bedeutet. Arn Maßstabe der absoluten Zahlen gemessen, kommt neben dem Riesenwerk der Alliance weder das Schulwerk des Hilfsvereins, noch das der Zionistischen Organisation in Frage. In der Türkei allein wurden von ihr an 38 Orten insgesamt etwa 80 Schulen aller Art mit rund 22 000 Schülern unterhalten, d. h. etwa 5% des ottomanischen Judentums waren Schüler der A. I. IL, — während zu gleicher Zeit in den türkischen Staatsschulen nur knapp l % der muselmanischen Bevölkerung erzogen wurde. Ganz ähnlich, nur im Verhältnis noch prononzierter, war es in Marokko, Tunis, Ägypten, Persion und Algier; selbst für die serbischen und sogar für die bulgarischen Juden hatte die A.I.U. eine nicht zu leugnende Bedeutung. 800 Schüler 75 Lehrer 600 n 354 000 „ 798 „ 000 „ 1472 „ ») Der Verlust, den das orientalische Judentum durch den Entschluß der A.I.U. erleidet ist um so größer, als ihre Schulen in organisatorischer und rein-pädagogischer Beziehung ihnen nicht das mindeste schuldig blieben. Die Alliance-Lehrer erwiesen sich im allgemeinen als die echten Söhne des Landes, das es in der Schulpolitik zur Meisterschaft gebracht hat und es stets verstand, die Leidenschaft des Missionsdranges, den es innerhalb der eigenen Gren-