Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 594 (sequence 3)
- Language
- German
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594 ihren geschichtsphilosophischen Charakter, daß sie nicht nur schlechthin das Prinzip der zeitlichen Entwicklung für die Religionen geltend macht, sondern daß sie diese Entwicklung in einer Wechselwirkung prägnant machte welche alle Religion nicht nur mit allen anderen Mächten der Kultur, sondern auch untereinander ergreift, und daß keine Religion dieser Wechselwirkung sich entziehen kann, wie es auch keine gibt die derselben nicht teilhaftig geworden wäre. Auf dieser Einsicht von der Wechselwirkung der Religionen, welche den Begriff der Entwicklung für sie allo erst deutlich bestimmt und erklärt, beruht die Toleranz, als eine geschichtliche Triebkraft dieser so präzis gewordenen Entwicklung. Es wurde nun auch aus der Gegenwart auf den Fall Jatho hingewiesen, als auf ein Beispiel für die Nichtbeachtung dieses Prinzips der Wechselwirkung in der Vernachlässigung des Judentums bei einer solchen anscheinenden Krise des Christentums. Übrigens habe ich eindringlich zur Giaubenstreue ermahnt. Und diese Mahnung wurde nicht nur an die jüdischen Kommilitonen gerichtet, sondern es wurde sogar die Hoffnung ausgesprochen für die evangelische Landeskirche, daß sie allgemach die Bekehrung der Juden überhaupt verschmähen und den sie Begehrenden vielmehr zur Treue gegen die angestammte Religion anhalten sollte. Endlich wurde auch noch die Frage des Religionsunterrichts berührt, der der Schule erhalten bleiben, aber durch einen Unterricht in der Religionsgeschichte ergänzt werden solle. Insbesondere wurde hierbei auf die Förderung aufmerksam gemacht, welche für die Harmonisierung der Bekenntnisse im' Geiste und Gemüte der Schüler aus einem solchen religionsgeschichtlichen Kursus gewonnen werden könnte. Hier müßte die jüdische Religion aus ihren selbständigen Literaturquellen zu einer wissenschaftlichen Darstellung kommen, und aus einer solchen müßte nicht nur der Prophetismus in dor ihm eigenen Bedeutung des Messianismus, sondern auch der Rabbinismus und die ganze spätere Entwicklung des Judentums ein Gegenstand der wissenschaftlichen Bildung werden. Dann erst werden allmählich die Vorurteile verschwinden, mit denen das Judentum zu kämpfen und unter denen es zu leiden hat an einer seiner Grundquellen, als welche die sogenannten Pharisäer, die Schrift gelehrten des Talmud, endlich zu verstehen und anzuerkennen sind: ohne deren geschieht- . liehe Würdigung auch die Duldung des lebendigen Judentums nur eine widerspruchsvolle Halbheit bleiben würde. Dieso Ehrenrettung der Pharisäer ist eine Obliegenheit der geschichtlichen Aufklärung, und bei dem inneren Zusammenhange von Aufklärung und Toleranz, der hier nachgewiesen werden sollte, zugleich die unerläßliche Voraussetzung für die der jüdischen Religion schuldige Pflicht der Toleranz.