Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 593 (sequence 2)
- Language
- German
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593 f orderung gewendet, zugleich mit dem Pfarrer Nithak-Stahn.an der hiesigen Kaiser-Wilhelm-Gcdächtniskirche über das Thoma „Was einigt die Konfessionen?" Vortrag zu halten1). Da man keine Gelegenheit zur Verständigung vorschmähen soll, habe ich auch diesem Auftrag mich unterzogen. Während nun aber der genannte Geistliche mir über die beiden christlichen Konfessionen sprach, habe ich nach dem populären Sinne der Konfession die jüdische Religion dort zu vertreten gesucht. Als Vorbedingung zu einer wahrhaften Einigung, wie der nationale Staat sie erfordert, erhob ich nun zuerst die Forderung an den Staat, daß er die Bevorzugimg der jüdischen Konvertiten vor den bekenntnistreuen Juden bei Staatsanstellungen fortan aufgeben sollte. Aber auch an die Gesellschaft mußte der Anspruch erhoben werden, daß sie ihre Gleichgültigkeit gegenüber diesem Notstände der öffentlichen Sittlichkeit aufzugeben habe. Es wurde zugleich nun aber die Frage gestellt: wie diese auffällige Lethargie der öffentlichen Meinung, die sich gleichmäßig in den Zeitungen, wie in den Zeitschriften bloßstellt, überhaupt begreiflich werde. Und die Antwort führte zu der positiven Erörterung über die Begriffe der Aufklärung und der Toleranz. Dem Irrtum gegenüber, als ob diese Grundmächte der geistigsittlichen Kultur zufällige und voriibergelicnde Ausgeburten des 18. Jahrhunderts wären, die in dessen Schwächen und Oberflächlichkeiten ihren Grund hätten, wurden zwei Grundschriften namhaft gemacht, welche diese beiden Wahrheiten aufgestellt hatten. Die eine ist der Dialog, der unter den Werken des deutschen Philosophen, des Kardinals Nikolaus von dies (geb. 1401), unter dem Titel „Über den Frieden und die Konkordanz des Glaubens" gedruckt ist. Und die andere ist die offenbare Nachbildung dieses Dialogs, welche dem großen französischen Staatsrechtslehrer J e a n Bodin, der der Bluthochzeit noch glücklich entkam, verdankt wird, Der Kardinal verteidigt das Judentum gegen den Vorwurf der Leugnung der Unsterblichkeit: Wie sollten die Juden das ewige Leben nicht glauben, da sie ja für ihr Gesetz ihr Leben preisgeben. Bodin aber verherrlicht geradezu nicht nur die Grundlehren des Judentums, sondern auch seine Gesetze und gottesdienstliche Gebräuche, während er die christlichen Glaubenslehren und Sakramente in scharfer Satire angreift. Diese Schrift, die erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts herausgegeben wurde, während sie in Absehliften bei fast allen berühmteren Gelehrten dieser beiden Jahrhunderte kursierte, ist in vielfacher Hinsicht auch heute noch von großem Werte. Dem Vorurteile gegenüber, daß die Aufklärung des Sinnes und Verständnisses für die Geschichte ermangelte, wurde hier die Begründung der Aufklärung vielmehr gerade in einem tieferen Begriffe der Geschichte zu fassen gesucht und die Toleranz wurde als ihre innerliche Konsequenz gedeutet. Die religiö&e Aufklärung erweist darin eben x) Die beiden Vorträge sind in Bros.chürenform vereinigt im Hütten- Verlag, -Berlin, erschienen.