Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Die Lage und die Hauptforderungen der Juden
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 572 (sequence 2)
- Language
- German
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572 weiterbestehen. In Staaten, in denen wir in größerer Zahl ansässig sind, verlangen wir nicht nur die Respektierung unserer Menschenrechter sondern wir fordern auch, daß unsere Sprache anerkannt und unseren kulturellen Wünschen Rechnung getragen wird. Durch den Krieg hat die ostjüdische Bevölkerung sehr gelitten und eine ausgiebige, rasche Hilfe für sie ist eine Hauptaufgabe für uns. Speziell in G a 1 i z i e n hat der Krieg für die Juden viel katastroph alere Konsequenzen gehabt, als für die polnische und ruthenische Bevölkerung. Die Russen haben die Landbevölkerung systematisch geschont, der Stadtbevölkerung gegenüber aber haben sie sich mißtrauisch und feindselig verhalten. Die Juden, die mehr in den galizischen Städten als auf dem flachen Lande wohnen, waren in ihrem Wohnorte ein besonderes Opfer der russischen Unterdrückung. Während der ganzen Zeit der Invasion erschienen Spezialgesetze gegen die Juden, die ihnen das Reisen sowie den Handel verboten. Ganze Judengemeinden wurden vertrieben, viele tausende Juden nach Sibirien verschleppt, unzählige Männer, ja sogar Frauen zur Zwangsarbeit genötigt. Dazu gesellt sich der Umstand, daß aus Furcht vor der Russeninvasion im Jahre 1914 die Juden zu Hunderttausenden nach dem Westen geflüchtet sind (wovon die Hälfte, die aus dem noch derzeit von den Russen okkupierten oder durch die militärische Situation stark bedrohten Osten stammen, noch nicht zurückkehren konnten) und von clor Unterstützung der Regierung, sowie der Privatkomitees leben, da sie seit drei Jahren kein regelmäßiges Einkommen besitzen. Unter solchen Umständen ist, wie bereits früher erwähnt, rasche und gründliche Hilfe für die jüdische Bevölkerung Galiziens unerläßlich. Dem Kaufmanne, sowie dem Hauseigentümer muß eine entsprechende Summe als ein unverzinslicher, langfristiger Kredit gewährt, den Handwerkern Rohstoffe und Instrumente zur Verfügung gestellt werden. Von großer Wichtigkeit ist die Regelung der Emigration. Da Tausenden von Juden trotz ihrer besten Absichten infolge des Verlustes ihres ganzen Vermögens eine Rückkehr in ihre Wohnsitze vollständig unmöglich ist, muß ihnen durch gut organisierte Emigrationskomitees mit Rat und Tat die Möglichkeit geboten werden, in solchen Ländern — finanziell ausgerüstet — sich niederzulassen, du ihre Arbeit brauchen und wo sie ihr Brot verdienen können. Unser spezielles Augenmerk richten wir auf unsere alte Heimat, Palästina, Nach dem Kriege müssen die Verhältnisse dort geregelt werden. Es darf nicht mehr passieren, daß wir in das Land, wo die Wiege unserer Ahnen stand, das uns viele Jahrhunderte gehörte, in das wir kommen, um ihm alle unsere produktiven Kräfte zu widmen, .nur durch Bakschisch gelangen können; daß es in Palästina keine gesetzlich geregelte jüdische Einwanderung, sondern nur eino von den Behörden tolerierte jüdische Einschmuggelung gibt. Es wäre ein Hohn auf die Kultur des 20. Jahrhunderts, das anderen