Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-07-10 · Heft 19 (10.7.1917) · p. Seite 565

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 19 (10.7.1917)
Article
Zur Frage des siedlungsgenossenschaftlichen Experiments
Date
1917-07-10
Page
Seite 565 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908709-2909941--0916-2909979
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

565 Die Siedlungsgenosssenschaft^ die in der Theorie Betriebsmischformen zuläßt, hat somit wahrlich keine Veranlassung, sich in der jüdischen palästinensischen Praxis einseitig1 auf die großbetriebliche Form zu verlegen. Die Siedlungsgenossenschaft wäre durch die Ausschaltung der. Kombinierung großbetrieblicher Produktionsweise mit kleinbetriebliclier auf eine schmale Bahn gedrängt, und Einseitigkeit wäre dort eingeführt, wo gerade vielseitige Möglichkeiten und Entwicklungsfreiheit herrschen sollten. Lassen sich überhaupt gewisse dem Großbetriebe eigenen Vorzüge bei den gegebenen natürlichen Verhältnissen Palästinas in uneingeschränkter Weise ausnützen? Läßt denn die Beschaffenheit des größten Teiles des Landes die Anwendung für den Großbetrieb geeigneter Maschinen oder überhaupt die Zupassung großwirtschaftlicher technischer Methoden zu? Kann man denn die beschränkte Ausdehnung der für den Großbetrieb passenden Ebenen Palästinas den weiten Bodenflächen Italiens und Rumäniens gleichstellen, auf denen die dortigen Pachtgenosssenschaften Ackerbau und extensive Viehzucht noch lange Jahrzehnte werden treiben dürfen? In Palästina wird in naher Zukunft die Aufgabe der Verwertung der spezifischen Bedingungen von Boden und Klima, der reichen Bewässerungsmöglichkeiten und der günstigen Verkehrslage für intensive Betriebstypen (auf starkem Futterbau basierte Viehzucht, Baumpflanzungen, Gemüsebau usw.) im Vordergrunde stehen. Die Kulturen werden vorwiegend einen mehr oder weniger gärtnerischen und kleinbetrieblichen Charakter tragen. Diese Verhältnisse werden keineswegs bevölkerungspolitischen jGesichtspunkten zuwiderlaufen. Andererseits werden diejenigen Flächen, auf denen Ackerbau nach wie vor betrieben werden wird, nicht so groß sein, daß sie wirklichen großbetrieblichen Verhältnissen entsprechen werden. Die wenigen Wirtschaften, die auf Grundstücken von etwa hundert bis dreihundert Hektaren sich werden einrichten lassen, werden nur teilweise die Vorteile großbetrieblicher Organisation ausnützen können. In ihnen wird dabei der Haus- und Hofwirtschaft sowie den gartenartig und mit Hilfe aller Kräfte der einzelnen Familien zu betreibenden Wirtschaftszweigen in möglichst weitgehendem Maße Rechnung zu tragen sein. Diese Situation wird übrigens nicht den theoretischen Voraussetzungen der Siedlungsgenossenschaft, die in der Jugendform — wegen des leichteren „Kampfes um die Disziplin'4 — keine große Ausdehnung haben darf, widersprechen. In Palästina wird man seinerzeit es nicht unterlassen, positive Ergebnisse des siedlungsgenossenschaftlichen Experimentes gebührend einzuschätzen und zu verwerten. Damit aber die Siedlungsgenossenschaft solche Ergebnisse in der palästinesischen Praxis zeitigen kann, wird sie zu rationellen Kombinierungen von Zentralbetrieb mit einzelnen Familienwirtschaften und zur Überlassung gewisser Produktionszweige an die letzteren kommen müssen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.