Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Jüdischer Nationalismus
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 502 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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.502 wiesen, daß die Zionsfahne ihre Schuldigkeit getan habe, und er würde mit Musset gerufen haben: „Qu'importp le flaeon pourvu qu'il donne ivressc". Die Begeisterung hatte die zionistische Fahne bewirkt, das soll ihr nicht bestritten worden. Aber auch für die jüdisch-nationalen Führer gilt Bethmanns Wort, daßsie die „Zeichen der Zeit verstohen" müssen, damit die Wurzel des jüdischen „Nationalismus", jener tausendjährige religiöse Protest, die kulturelle Kraft nicht verliere, mit welcher die Juden in diesem Weltringen überall für Heimat und Glauben kämpften und starben, damit ihre Brüder leben und beides bewahren können. Bemerkungen zu den chassidischen Geschichten des jfechok Leib Perez*) Von Alfred Lemm, Berlin as Chassidentum entstand auf der Grundlage jener jüdischen Seelen, in denen das starre, konservative Element zurücktritt «a&2^»vor der Leichtempfänglichkeit; in denen die Ratio nicht das Gefühl ausschaltete; in denen die Verstandesherrsehaft, welche das Ich abzutrennen und entgegenzusetzen pflegt der Umwelt, nicht zu weltabgelöstem Individualitätsbestreben führt, sondern in denen die Empfindung der Zugehörigkeit und Verbundenheit mit den Dingen und mit der Gemeinschaft der Menschen laut wird. Kurz, der Chassidismus beruhte auf jener nicht allzu häufigen Art von Menschen, die die Fähigkeit des Erlebnisses besaßen, in diesem Fall des Neuerlebens der überkommenen religiösen Inhalte. Hiermit allein wird schon Martin Buber, dem großen Vermittler des Chassidismus in Deutschland, recht gegeben, wenn er sagt, daß in dieser Richtung die religiöse Erneuerung im Judentum vor Hich gehen müsse. Natürlich kann das nicht geschehen untcra Beibehaltung des ausschließlichen Aspektes auf. Bibel und Talmud. Dies?, Assoziationssphäre ist einmal viel zu völkisch bestimmt: zu einer ausgesprochenen Volksreligion haben die im europäischen Kulturkreis lebenden Völker viel zu gleiche Ideale von Gott und Welt. Andererseits will der moderne Mensch eine völlig voraussetzungslose, von keiner Überlieferung bestimmte, nur von ihm selbst anerkannte Heiligkeit der Dinge. War bei dem Chassidcn der religiöse Antrieb sein, alter Gott, so. steht hinter unsere m religiösen Wollen das Bedürfnis, Alles in der Welt wieder in die Religiosität einzubeziehen — Verweltlichung der Religion. Der große Unterschied ist: wir nähern Gott der Welt, um zu ikm zu kommen, während alle früheren Religionen und Religionsversuche die Welt dem von altersher .festgesetzten Gotte nähorten. So wird das Fruchtbare des Chassidismus für die Zukunft nicht in dem, was er schaffte, sondern in seiner geistigen Tendenz selbst liegen. Sind doch in ihm, wenn auch: nicht in Form und Richtung, wie wir; sie' wünschen, alle die Betonungen enthalten, die wir in der neuen Religion *) Wir bringen diese Besprechung anstatt .des Literaturblattes, das iu üem nächsten Heft wieder.fortgesetzt wird.. r.\ D. Red..