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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 485

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Jüdische Märchen [Rezension]
Date
1917-05-10
Page
Seite 485 (sequence 2)
Language
German
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465 grüßen, die fremde Dunkelheiten nicht selten aufzuhellen vermag. Denn die jüdische Volksliteratur, deren Abriß uns hier geboten wird, ist ein Erzeugnis der Diaspora, etwa der Zeit vom Abschlüsse des Talmuds bis zur Entstehung des Chassidismus. Uralte Überlieferungen wirkten in ihr fort; dazu aber gesellten sich im Geben und Nehmen Einflüsse der Wirtsvölker. So kehren — Bin Gorion hat in dankenswerter Weise diese Übereinstimmungen in seinen Anmerkungen angedeutet wie bekannt eine große Anzahl deutscher Sagen und Märchen in jüdischem Gewände wieder: der gute Gerhard — worauf Gaster einmal hinwies, das Grimmsche Märchen vom Mädchen ohne Hände u. a, m. Art und Wege dieser Übereinstimmungen zu erforschen, wird noch mehr als eine lohnende Aufgabe bieten; hier lebt ein Kapitel „Deutschtum und Judentum", gegen welches sich auch der Nationalist nicht wehren kann — noch will. So anziehend wie aufschlußreich aber ist es dann, neben den Übereinstimmungen jüdischer und nichtjüdischer Märchen die Umformungen zu verfolgen, mdt denen sich das jüdische Märchen des fremden Stoffes bemächtigt, wie z. B. im „guten Gerhard" aus dem König ein weiser Rabbi wird, aus dem Kaufmann aber ein Schlächter, in einer andern Fassung desselben Stoffes „ein Mann, der mit unreinen Tieren handelt''. Hier gerade erfassen wir einen typischen Zug des jüdischen Märchens. Es bedeutet die D e m o k ra ti e in der jüdischen Geisteswelt: eine Empörung nicht des Bürgers etwa gegen den Geburtsadel, wie bei andern Völkern, sondern — des Am haarez gegen den jüdischen Adel, den Schriftgelehrten. Der weltberühmte Rabbi Simeon erfährt zu seinem Befremden, daß sein Platz im Gan Eden neben einem Schlächter sein werde. Das himmlische Hemd, das der Engel auf dem Zionsberge bringt, ist weder für Rabbi Elieser noch für Rabbi Josua, sondern für Joseph den Gärtner bestimmt; und über den Händler mit Kriechtieren wird im Himmel ausgerufen: „Diesem ist sein Teil im Jenseits gewiß!" Das Märchen hat seine eigene Ethik; auch hier an altjüdische Grundsätze anknüpfend, empört es sich kecklich gegen „die Offiziellen", die das Wort geprägt hatten: „Der Ungelehrte kann nicht fromm sein." Hier hält man es mit R. Chanina ben Dosa^ der das Handeln über das Forschen stellte2). Und daneben erscheint hier eine eigene Stufenfolge der Berufe; die Handwerker, die Ackerbauer werden aus dem Dunkel hervorgezogen, die Gelehrten ein wenig gedemütigt. Rabbi Akiba hütet die Schafe; der Gärtner Joseph erringt den Preis der Frömmigkeit. Am höchsten bewertet wird der Ackersmann; freilich — hier schaut das jüdische Auge uns an — der Ackersmann mit dem Buche in der Hand: Der fromme Jüngling Saul sieht einen Mann mit zwei Ochsen pflügen und zugleich in einem Buche lesen. Da denkt er: „das ist gewißlich ein aufrechter Mann und wohl auch ein Weiser!" — ,,Der Ackersmann aber Mar der Prophet Elia." Merkwürdige Erscheinung: in dieser Volksdichtung des Golus lebt eine uralte Sehnsucht nach Luft und Erde und Arbeit der Hände, die unser Gelehrtenadel, auf den wir doch mit Recht stolz sind, vielleicht vergessen hatte. Denn längst waren die Zeiten dahin, da es den Weisen Gesetz und Sitte war, ein Handwerk zu betreiben. Hand in Hand mit dieser Würdigung unseres tiers etat geht — wie bei so vielen sozialen Umwertungen — eine Würdigung der Frau, die freilich ebenfalls nur an alte Tradition anzuknüpfen brauchte. Immerhin ist es bedeutsam, daß die Frau hier nicht nur als Gattin und Mutter im häuslichen Kreise erscheint, sondern als durchaus dem Manne ebenbürtig, ja ihm häufig überlegen an Tatkraft und Klugheit Sie handelt, währendder Mann lernt: auch dies ein Bild des jüdischen Lebens im Golus. Freilich kennt das Märchen auch die seltenere Erscheinung der gelehrten Frau, wie ja der Talmud schon von Ima Saloni und Bcruria zu berichten weiß. Aber es läßt sie die Gelehrsamkeit (wie in der schönen Erzählung von dem weisen Mädchen mit dem Tiergesicht) 2) In der Anmerkung S. 114 muß es wohl heißen: Spr. d. Y. III. 12 (nicht I, 18).

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