Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Deutschland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 484 (sequence 3)
- Language
- German
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4S4 Fragt man sich nach dem positiven Wert der A.G., so muß man ihn in erster Iinie in einem erzieherischen Erfolg suchen. Es ist sicherlich nicht leicht, Menschen mit so verschiedenartigen und gegensätzlichen Gedanken zu jener Selbstdisziplin zu erziehen, die nötig ist, um auf Grund einer Verpflichtung vor sich selbst beieinander zu bleiben. Es soll deshalb auch nicht übersehen werden, daß Gedeih und Verderb einer A.G. dn erster Linie davon abhängt, ob sich eine überragende und erzieherisch hochbegabte Persönlichkeit findet, der sich die übrigen Mitglieder aus gänzlich freien Stücken in Fragen des Taktes und der äußeren Notwendigkeiten unterordnen. Ist eine solche Persönlichkeit aber vorhanden, dann, bildet die A.G. einen Mittelpunkt, von dem die einigende Wirkling sich nach dem Prinzip der Wellenkreise konzentrisch nach Außen fortpflanzt. Denn die einzelnen Mitglieder kennen natürlich keine höhere Aufgabe, als innerhalb ihrer Organisation im Sinne der A.G. zu wirken. Da es wahrscheinlich nicht die einflußlosesten Mitgliede* sein werden, welche die Vereine an die A.G. senden? so darf : schon nach kurzer Zeit eine Spur ihres Wesens auch in der Arbeit der einzelnen Organisationen erwartet werden. Bilden sich nun nach dem Hamburger Beispdel in allen größeren Orten Arbeitsgemeinschaften, so steht zu erwarten, daß in einiger Zeit innerhalb der jüdischen Jugend aller Kreise eine GrundstLmmung sich geltend macht, d.ie immer stärker dazu drängt, nun auch eine Gemeinschaft der großen Organisationen als solcher in die Wege zu leiten und das gesamte jüdische Jugendleben nach den in den A.G. gewonnenen Gesichtspunkten von Grund auf neu zu gestalten. Die Hauptsache bleibt, daß diese Bewegung von unten herauf ihren Lauf nehme, daß es erst die wenigen, und dann erst die vielen sind, die in diesem Gedanken erzogen werden und dann weiter erziehen werden. Mögen es sich deshalb auch die zu gründenden Arbeitsgemeinschaften zum Prinzip machen, vorläufig auf einen großen Wirkungskreis zu verzichten und in der Stille jenes Talent heranzubilden, an dem es uns in erster Linie fehlt: das gesellschaftliche. Erst dann wird sich im Strom unserer Zeit auch der Charakter der jüdischen Jugend heranzubilden vermögen. C. Z. Klötzel, z. Zt. im Felde. ©00000300 Literaturblatt miMimimmm iijim Jüdische Märchen Unter den zahlreichen fremden Brillen, mit denen wir Juden uns zu beschauen pflegten, war die Annahme, daß, wie es ein neuerer Märchenforscher ausdrückt, „die jüdische Art viel zu ernst und zu streng" für die reachblühende Welt des Märchens sei. Mischa bin Gorion, der uns schon so manchen verschütteten Brunnen aus unserer Väter Tagen wieder aufgrub, hat das Verdienst, in seinem schönen Buche „Der Born Judas"1) zur Aufhellung x) M. J. b i n G o r i o n , „Der Born Judas", Legenden, Märchen und Erzählungen. I. Band: „Von Liebe und Treue." Insel-Verlag 1917, Preis: Pappband 6 Mark. dieses noch immer draußen wie drinnen verbreiteten Irrtums ein gutes Teil beigetragen zu haben. Denn er stellt in diesem Buche, dessen erster Teil kürzlich erschien und das den Anfang eines umfassenden Planes bildet, nebendie bekannten großen Märchen Sammlungen der Weltliteratur — Tausend und Eine Nacht, die Gesta Romanoruin u. a. — eine ebenbürtige neue Sammlung mit eignem Antlitz und eignem Wert. Doppeltem Wert: der Freund jüdischer Vergangenheit wird es ihm danken, daß er kostbares vergrabenes Volksgut aus schwer zugänglichen Stätten ans Tageslicht gefördert hat; der Forscher aber wird hier eine wertvolle Ergänzung fremden Märchenguts be-